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Aus
dem Leben des Prenzlauer Malers und Bildhauers Willi Bagemihl von
Christa Scherpf – München (verst.)
Willi Gottfried Paul Bagemihl wurde 10.06.1886 als
Sohn des Malermeisters Paul August Theodor Bagemihl (geb. 02.07.1863 in Stettin)
in Berlin geboren. Seine Mutter Marie Auguste Luise war die Tochter des
Prenzlauer Sattlermeisters Wilhelm Gottfried Christoph Hass. Sie ist am
03.03.1859 in Prenzlau geboren und verstarb hier am 03.04.1926 im Alter von 67
Jahren. Willi Bagemihls Vater kehrte nach mehreren Jahren Arbeit in
Berlin mit seiner dort geheirateten Frau Marie an deren Heimatort Prenzlau zurück
und kaufte das Haus in der Steinstr. 445, mit Werkstatt und Rückgebäuden. Zu
dieser Wohnung gehörte ein großer Garten am Schinderkamp, von dem sich die
Familie in den kommenden Kriegszeiten gut ernähren konnte. Vor seinem Militärdienst bei den Jägern in Schlettstadt
(Selestat), im damals deutschen Elsass, kehrte der Sohn Willi noch einmal nach Berlin zurück, um hier eine Ausbildung
als Bildhauer (Marmor. Stuck, Reliefs etc.) zu absolvieren. 1911, am 03.06. heiratete er in Minten (Pommern) Maria
Struck aus Cartzig (Pommern). Das junge Paar ging nach Prenzlau und bezog eine
Wohnung in der Friedhofstraße. Dort wurde am 26.12.1912 die Tochter Christa
geboren. Willi B. arbeitete in der väterlichen Werkstatt und konnte auch bald
die Meisterprüfung ablegen. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zog er am
04.08.1914 als Freiwilliger in den Krieg und kam zunächst an die Westfront.
Seine Einheiten rückten (per Fußmarsch!) bis Flandern vor. Dann wurde er in
den Osten befohlen. Hier geriet er 1915 im Nahkampf in Riga, bewusstlos durch
Kolbenschlag auf den Hinterkopf, in russische Gefangenschaft. Er war ca. 3
Wochen bewusstlos, die Kameraden versorgten ihn. Aus Nischni-Nowgorod bekamen
die Angehörigen eine Karte, das war das letzte Lebenszeichen. Danach galt er
als vermisst. 1921 kam dann eine Karte aus Swinemünde, er läge 111 Quarantäne. Als er nach Prenzlau zurückkehrte, war er kaum
wiederzuerkennen. Die Jahre 1915-21 hatte er in sibirischer Gefangenschaft
verbracht, nach zwei vergeblichen Fluchtversuchen gelang der dritte. Er blieb in
Irkutsk und schlug sich als Maler durch; malte Spielkarten, Porträts etc. Ein dänischer
Brauereibesitzer verschaffte Verdienstmöglichkeiten. Es sollte nicht vergessen
werden dass ihm der "Engel in Sibirien", die Schwedin Elsa Brandström,
wie so vielen, auch ihm sehr geholfen hat, indem sie ihm in das Gefangenenlager
einen Schlitten voll Leinwand und Farben schickte. Nachdem er sich zu Hause angekommen, einigermaßen erholt
hatte, begann er wieder zu arbeiten. 1926 konnte er das Anwesen Königstraße
160 kaufen. Zu unseren unmittelbaren Nachbarn gehörten hier Auto-Lange,
von dem mein Vater seinen ersten Opel kaufte und Klempner Kopplin. Von seinen Arbeiten sind in Prenzlau u. a. noch die im Jahre 1928 entstandenen Flach-Reliefs von Handwerkern an dem damals modernen Haus Ecke Brüssower/Franz-Wienholz-Straße (aber bedauerlicher Weise am Zerfallen) erhalten. (Denkmal) Willi Bagemihl wirkte mit am öffentlichen Leben in
Prenzlau. Er war Mitglied der "Liedertafel", der Loge und des
Vorstandes der Sparkasse. Prenzlau war in der Zeit der Weimarer Republik ein blühendes
und aufstrebendes Gemeinwesen mit etwa 22 000 Einwohnern. Arbeitslose, Bettler,
Landstreicher und Kriminelle waren Ausnahmen. Es gab großartige Theateraufführungen,
Konzerte, große Bälle und kleinere Tanzveranstaltungen und bald auch
Filmtheater. (Ben Hur, Die Nibelungen, Jackie Coogan und Charlie Chaplin -
unvergesslich). Ende der 20er Jahre stagnierte die Wirtschaft. Es gab Pleiten und Konkurse; wegen Börsenverlusten sogar Suizide. Man spekulierte mit in- und ausländischen Wertpapieren und Aktien und erlebte internationale Zusammenbrüche. Erinnert sei als Beispiel an den Ivar Kreuger (Streichholzmonopol) und den Stinnes-Konzern (deutscher Kohle-Stahl-Konzern). Alles schon einmal da gewesen. 1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Auch Willi
Bagemihl trat, wie die meisten Leute des Mittelstandes der
nationalsozialistischen Bewegung bei, in der Hoffnung, das Beste für das
Vaterland zu tun. Es kamen die großen Aufträge im Zuge der Aufrüstung. Vom
Arbeitsdienst wurden die Autobahnen gebaut. Sonntags fuhr man an die bewunderten
Autobahn-Baustellen. Das Jahr 1939 kam herauf und der große Krieg begann. Die
Gehilfen im Malereibetrieb wurden eingezogen. Allmählich wurden die
Materialzuteilungen eingeschränkt. Es wurde klar, dass man den Betrieb nicht
weiter führen konnte. Willi Bagemihl schloss den Betrieb und fuhr nach München
zu seiner Tochter, die dort 1940 geheiratet hatte und dort als Ärztin
arbeitete. Hier arbeitete er bei einer Firma, die Tarnanstriche für bedeutende
Bauten, wie z.B. am Haus der Kunst, vornahm. Als 58-jähriger wurde er zunächst zur Ausbildung an der
Panzerfaust nach Böhmen eingezogen. Aus dem Kessel bei Halbe (südlich Berlins)
kam er nach Schussverletzungen als letzter auf einem Boot über die Elbe. Er kam
in englische Kriegsgefangenschaft nach Lüneburg, später in das Lazarett in
Tegernsee. Nach seiner Rückkehr nach München ging er sofort nach
seiner Genesung auf Arbeitssuche. Er erhielt für längere Zeit eine Anstellung
als Restaurator, wo er auf hoch gebauten Rüstungen (z.T. im Freien an Fassaden
oder unter Kirchengewölben) arbeitete. Aus Altersgründen musste er diese
reizvolle und schöne Tätigkeit schließlich aufgeben. Seine Frau war als Flüchtling
zuerst nach Schleswig Holstein, später auch nach München gekommen. Sie starb
am 25.10.1957 mit 72 Jahren und hatte den Kummer über die verlorene Heimat nie
verwunden. Willi Bagemihl fand eine durch Krieg verwitwete Frau aus dem
damals so benannten Sudetenland. Er malte fast bis zum Lebensende und war als Künstler
sehr vielseitig. Er malte in Öl, Aquarell, Pastell, Feder und Bleistift, was
halt gerade zur Verfügung stand. Im Garten in Gröbenzell bei München, wo er
seinen Lebensabend verbrachte, war er auch wieder bildhauerisch tätig. Das
Stadtmuseum München hat mehrere seiner Bilder angekauft. Sie stellen den
Zustand der fast zerstörten Frauenkirche und die historische Altstadt Münchens
dar. Willi Bagemihl starb am 12.04.1973 im Alter von 87 Jahren
nach einem erfüllten und bewegten Leben. |
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