Kaisergarten Berliner Hof, Stettiner Str. 42 b  

Am 3. Juli 1868 verkauft der Zimmermeister Schreiber aus seinem in der Stettiner Vorstadt gelegenen Areal ein Grundstück an den Bäckermeister Falk.

Die Adresse war bis ca. 1895 Stettiner Vorstadt bzw. Straße Nr. 3 am Springweg oder der Spring, ab ca. 1900 dann Stettiner Straße Nr. 42 a.

1892 hatte die Straße noch 81 Haus- bzw. Grundstücksnummer. Nach der Regulierung durch den Magistrat waren es nur noch 44. Es sind für unsere Zeit nicht nachvollziehbare Nummernsprünge vorhanden. So hat die Villa vom Polizeichef Schulze die Nr. 28 b (Ecke Winterfeldtstraße), die nächste Villa vom Landgerichtsrat Alisch die Nr. 29. Aber dann, das nachfolgende Grundstück sind die Eisenwerke Hoffmann Nr. 57 -59. Auf dem dazwischen relativ kleinen Grundstück können vor der Bebauung keine 26 Parzellen gelegen haben!

Bäcker- und Konditormeister Falk errichtete auf dem erworbenen Gelände einen Sommergarten. Es wurden offene Gästelauben gebaut, des weiteren ein Gebäude für den Ausschank und den Verkauf seiner Konditoreiwaren erstellt. Dazu Bäume und Sträucher gepflanzt, somit wurde eine Parkatmosphäre geschaffen. Ab 1870 wird Falk im städtischen Adressbuch auf diesem Areal, am Spring, als Restaurant geführt. Falk hatte offensichtlich von Anfang an große Pläne.

Es verging eine relativ lange Zeit bis Bäckermeister Falk diese seine Pläne verwirklichte und 1888 auf seinem Grundstück Stettiner Vorstadt Nr. 3 folgende Baulichkeiten errichten lies. Laut Baugenehmigung vom 30.12.1887 wurden erstellt „1. Saalgebäude, 2. Restaurantgebäude, 3. Kegelbahn, 4. Stall, 5. Veranda, 6. im Garten für das Orchester ein Podium, 7. Überdachung der Tanzfläche“.

Noch fast im selben Jahr, 3.Juli 1888, die Bauten waren noch nicht abgeschlossen, ging das Gelände an den Rentier Johann Stark. Stark war höchstwahrscheinlich der Finanzier des Falk, denn drei Monate später kaufte der erste Gastronom die Anlage. Der neue Eigentümer war der Kurgartenbad- und Restaurantbesitzer Otto Zeppenfeld, er kann als erster Betreiber des Etablissement „Kaisergarten“ bezeichnet werden. Zeppenfeld kam mit den vorhandenen Räumlichkeiten offensichtlich nicht zurecht. In der Zeit vom September 1888 bis Dezember 1896 stellte er ca. 10 Bauanträge, immer wieder Anbau und Umbau von Saal, Bühne, Garderobe, Toiletten und Veranden.

Der Mann muss starke Nerven gehabt haben, die Baugenehmigungen kamen schneller, als wir es heute gewohnt sind, aber die Auflagen und Vorschriften waren nicht wenig und die Kontrollen der Baupolizei erheblich. Es hagelte Anzeigen und Strafmandate. Die Strafmandate und Anzeigen gingen nicht nur wegen baurechtliche Verstöße ein.

Herr Zeppenfeld hatte offensichtlich auch mit der Hygiene zu kämpfen, immer wieder wurden schmutzige Toiletten angezeigt. 02.01.1892, der allzu penetrante Geruch belästigte die Gäste. Die Polizei kontrollierte geschlossene Deckel und Kalkgaben auf den Plumsklosetts. Die Feuerwehr bemängelte die Öfen ebenfalls, der Bühnenvorhang, die Kulissen und die Fenstergardinen wurden beanstandet.

Einige Details: „26.10.1888 Antrag auf Anbau einer Bühne durch Zimmermeister Kosch. Am 06.11.1888 Antrag auf Anbau eines Saales und Erweiterung des Vorhandenen. Februar 1889 Antrag auf Umzäunung des Geländes und Bau einer großen Eingangspforte mit Werbung. September 1889 Antrag auf den Bau einer Veranda und den Bau einer Außenbühne. Im Jahr 1895, der Küchenumsatz stieg von Jahr zu Jahr, dazu ein neuer Trend, Natureis - gekühlte - Getränke wurden immer beliebter, eine Eismiete musste her. Nach neuesten Gesichtspunkten wurde eine Eismiete bzw. -keller, drei Meter tief in die Erde und zwei Meter oberhalb der Geländeebene gemauert und hatte die Gestalt einer Pyramide außerhalb der Erde. Zwischenzeitlich wechselte für ein Jahr der Besitzer. Es ist anzunehmen, dass Steuer- oder Finanzprobleme zu dieser Besitzumschreibung führten.

Am 12.09.1893 wurde ein gewisser Bernhard Berndt als Eigentümer eingetragen, aber schon am 09.11.1894 war die Frau des Otto Zeppenfeld wieder Besitzer. Otto Zeppenfelds zahlreiche Aktivitäten wurden von der Baupolizei argwöhnisch begleitet. Am 6. April 1895 fand eine Generalkontrolle der Behörden statt. Zeppenfeld bekam eine Mängelliste in die Hand gedrückt. Die Behebung der aufgeführten Missstände waren mit Terminen versehen und bei Nichtabstellung mit saftigen Bußgeldern versehen. Für die Nutzung der Lokalitäten wurde ein Plan erstellt, den der Gastwirt aushängen musste. Darin heißt es wörtlich: „die höchste künftige Personenzahl für den Saal 184,20 qm Fläche, auf zwei Personen für 1 qm d. i. auf = 369 Personen.

Für die Nebenräume mit ihren 176,65 qm Grundfläche, auf eine Person für 1 qm d. i. auf = 175 Personen d. i. auf zusammen 547 Personen.“

Das Alter und die Umstände waren Zeppenfeld offensichtlich zu viel, nach fast acht Jahren, am 14.12.1896, verkauften die Zeppenfelds ihren Kaisergarten an einen Herrn Blank. Dieser Herr Blank ist in der Hausakte ein wirklich unbeschriebenes Blatt.

In den 17 Monaten, in den er als Besitzer eingetragen war, wurden keine der üblichen Anzeigen, keine Bauanträge, nichts gestellt. Herr Blank muss ein wahrlich friedlicher Zeitgenosse gewesen sein.

Am 25. Juni 1898 heißt der neue Eigentümer laut Grundbucheintragung Klemke. Carl Klemke stand dem ehemaligen Eigentümer Otto Zeppenfeld  in nichts nach, schon im Mai, nach dem notariellen Vertrag, ging die Bauerei los. Am 14.05.1898 Antrag auf Abriss und Erneuerung des Zaunes. Am 15.05.1898 Antrag auf Abriss einer Veranda und des Kegelhauses. Diese Maßnahmen standen in Verbindung mit dem Bauantrag vom 27. Juni 1898, darin wird eine Genehmigung zur Vergrößerung des Saales und um den Bau einer Damengarderobe gebeten. Am 10. September 1899 Antrag zum Bau einer Toilette. Man fragt sich, wurden die Plumskuten zugeschüttet? Seit der Erstbebauung wurden schon etliche Toiletten gebaut. Die Bauerei nahm kein Ende,

im August 1899 ein weiterer Umbau des Saales. Wie gingen die gastronomischen Tätigkeiten weiter? In den Räumen war mindestens dreimal wöchentlich Tanz und Veranstaltungen aller Art. 1902 wieder ein Saalanbau, des weiteren der Bau eines Eiskellers. War der vorhandene schon eingefallen oder zu klein? 1906 Bau einer
neuen Veranda und einer Musikerhalle. 1907 Bau eines Tennisplatzes und schon wieder ein Toilettenbau.

1908 herrschte bestimmt noch kein Kfz-Notstand, aber Ärger mit Fahrzeugen, vornehmlich Kutschen, muß es gegeben haben. Herr Klemke beschwerte sich, dass der Spring, das die Zufahrtsstraße zu seinem Etablissement, kreuz und quer befahren wurde. Seitens der Polizei wurde keine Abhilfe geschaffen. Um die Sache in die richtige Bahn zu lenken, ließ Klemke Pfähle und Prellsteine aufstellen. Die Polizei hatte etwas dagegen, es folgte die Aufforderung Pfähle und Steine zu entfernen. Klemke wiedersprach  und entfernte die Steine nicht. Die Stadt ließ die Zufahrt am Spring räumen und Klemke bekam die Rechnung. Klemke zahlte nicht, es kam zum Prozess, Herr Klemke wurde zur Zahlung verurteilt. Ab jetzt war der Dauerkonflikt für die kommenden zwölf Jahre mit der Stadt und Polizei gelegt. Anzeigen wegen Nichtigkeiten flatterten Klemke ins Haus. Die Beheizung mit eisernen Öfen und deren Sicherheitsabstand zu Tischen und Stühlen wurde immer wieder muniert. Verstellte Fluchtwege, keine oder ungenügende Feuerlöschmittel führten immer wieder zu Abmahnungen und Strafmandate. Maler mäßige Instandsetzungen wurden verlangt und die ewige Toilettenfrage gab Anlass zum Ärger. 1919 der letzte Bauantrag von Gastronom Klemke. Die Bühne wurde wieder einmal umgebaut.

Am 5. März 1921 war die Zeit des Klemke zu ende, unter Bd. 23 Blatt 40 Abt. 3 wie bereits bei den vorhergegangenen Eigentümern, wurde Herr F. Trotzer als neuer Besitzer eingetragen. Ende des Jahres, am 15. Dezember 1921 gab es den ersten Ärger für Herr Trotzer. Bei einer größeren Versammlung des Mietervereins fielen etliche Besucher in Ohnmacht. Die Personen mussten ärztlich wiederbelebt werden. Todesfälle waren nicht zu beklagen. Von der Polizei wurde der schlechte Zustand der Öfen und der Rauchabzuganlagen als Ursache angegeben. Trotzer erhielt einen saftigen Bußgeldbescheid. Der Gaststättenbesitzer legte Wiederspruch ein und ließ vom Bezirksschornsteinfeger ein Gutachten erstellen. Öfen und Schornsteine waren in Ordnung, der Rauchabzug in vollem Umfang gegeben. Jetzt ermittelte nochmals die Polizei, bei der Befragung des Hausmeister wurde festgestellt, dass bei der Vorheizung am Tage nasser Koks verfeuert wurde. Der Saal war gewissermaßen mit Kohlendioxid schwanger, die Leute mussten umfallen.

Die Kinematographenzeit war angebrochen. Am 8. Juli 1922 stellte Trotzer einen Bauantrag auf Umbau des Saales zum Zwecke Kinofilme vorzuführen. Die Kinovorführungen sollten nur an den Tagen, wo keine Tanz- bzw. Festveranstaltungen stattfanden, durchgeführt werden, also volle Auslastung. Mit einigen Auflagen zum Umbau wurde die Genehmigung erteilt. Am 13. Juni 1924 stellte Trotzer einen Bauantrag zum „Wiederaufbau meines Kaisergartenlokals“. Aus den vorhandenen Unterlagen konnte nicht ermittelt werden, wann und warum die Lokalität abgebrannt war. Es ist auch kein Schriftverkehr mit Versicherungen vorhanden. Die Sache bleibt für uns im Dunklen. Sei es, wie es ist, am 20. Juni 1924 wurde die Baugenehmigung erteilt und der Kaisergarten unter Verwendung alter Fundamente als Hotel „Berliner Hof“ aufgebaut. 
Von der Baupolizei wurden erhebliche Auflagen gemacht.

Die Verstärkung der Fundamente und Isolierung nach neusten Stand wurde u. a. gefordert. Auch die Zeit der Plumsklos war vorbei, im Zuge der Baumaßnahmen wurde das Hotel mit einer neuzeitlichen Entwässerung ausgestattet. In diesem Zusammenhang wurde das ganze Objekt im Oktober 1924 an das städtische Kanalisationsnetz angeschlossen. Der Neubau wurde mit einer Schwerkraft-Zentralheizungsanlage bestückt, damit war auch die Zeit der eisernen Öfen vorbei. Keine Strafanzeigen mehr für über- oder falschbeheizte Öfen. Am 24. März 1925 erfolgte die baupolizeiliche Abnahme und die vorgeschriebene Platzeinteilung für Saal und Restaurant. Das neue große Haus musste noch eingerichtet werden, was seine Zeit in Anspruch nahm. Anfang April 1925 wurde der alte Kaisergarten als neues Hotel und Restaurant mit Saalbetrieb unter dem Namen Berliner Hof eröffnet.

Die große Zeit dieses Vergnügungspalastes begann. Die bisherige Konkurenz Stettiner Straße 43 (Börsenhaus) existierte nicht mehr. Dort arbeitete jetzt der landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsverein. Somit konnte Familie Trotzer noch mal alle Kraft aufwenden, um ihre Kreditschulden zurückzuzahlen. Es war kein Militär mehr in Prenzlau, die Zeiten waren nach dem verlorenen Krieg nicht die Besten, aber vergnügungsmäßig begannen die goldenen zwanziger Jahre.

Die Kfz-Zeit kam mit großen Schritten, betuchte Gäste fuhren mit dem Auto vor, Hotelgäste wollten ihr Gefährt sicher unterstellen. Kurzentschlossen ließ Trotzer seine Holzschuppen in Garagen umfunktionieren. Neuer Ärger begann, die Polizei kontrollierte täglich und sprach ein Verbot für die Unterstellung von Automobilen in Bretterschuppen aus. Im Juni 1927 stellte Trotzer seinen letzten Bauantrag, der da lautet: Umbau von Schuppen zu zwei Massivgaragen.

Ab 1. August 1928 verkauft F. Trotzer, sein schönes neues Haus, zum Preis von155 000,- M + 40 000,- M für Zubehör (bewegliches Inventar) an Herrn Albert Blum und dessen Ehefrau Meta. Blum war noch nicht ganz im Geschäft, da stellte er den Antrag zur Aufstellung eines Verkaufskioskes an der Stettiner Straße Ecke am Spring, „Verkaufsstand aus Stilwerk mit Brettbekleidung“. Der Kiosk wurde noch bis in den 50ziger Jahren genutzt. Ein weiterer Bauantrag folgte. Die Fassade sollte neu gestaltet werden, des weiteren sollte der Außeneingang zum Saal mit einem Windfang und Giebelüberdachung versehen werden. Im Hotel fiel täglich Wäsche an.

Da die Räumlichkeiten nicht ausreichten, wurde ein Bauantrag zur Errichtung einer Roll- und Plättstube direkt an die Waschküche gestellt. Auch den Herrn Blum holte die Kfz-Problematik seines Vorgängers ein. Dieselben Querelen mit der Polizei. Um der Problematik Herr zu werden, ließ Blum zehn massive Autogaragen auf seinem Gelände errichten. Noch ein Problem drückte Blum. Der Nachtpförtner hatte sein Zimmer im zweiten Dachgeschoss, dort hielt er sich auf und schlief auch, wenn das Hotel und Restaurant geschlossen war. Die Polizei verlangt, dass er in dieser Zeit in der Nähe der Eingangstür zu sein hat. Als Begründung wurden zu lange Wartezeiten für die Gäste nach dem „Klingeln“, außerdem Ordnung und Sicherheit und Brandaufsicht als Grund angegeben.

Blum klagte gegen die Stadt, der Spring und die Stettiner Straße liegen zu weit von seinem Grundstück, somit braucht er die nicht zu reinigen. Die Strafmandate der Polizei bezahlte er nicht. Blum erhielt kein „Recht“. Die Begründung des Gerichtes, wenn Blum der einzige Anlieger ist, spielt die Länge der öffentlichen Straße keine Rolle, er hat sie zu säubern.

Das Verhältnis zu den Behörden wurde immer schlechter. Der Saal wurde stark genutzt. Tanz dreimal die Woche, dann diverse Veranstaltungen an den anderen Tagen. Die Nationalsozialistischen Organisationen traten jetzt auf den Plan.

NS Arbeitsfront, NS Kraft durch Freude, darüber liefen fast alle Veranstaltungen kultureller Art, Sportvereine, Box- und Ringerkämpfe etc. Diese Organisationen wussten von den Uneinigkeiten Blums zu den Behörden und sie nutzten diese weitlich aus. Immer wieder wurden Forderungen gestellt, z.B. Renovierung, neues Mobeliar, Mietpreise zu hoch und so weiter.

Blum sollte der letzte Betreiber des Berliner Hofes sein, am 28. Januar 1941 verkaufte er das Objekt mit Grundstück an den landwirtschaftlichen Ein- und Verkaufsverein zum Preis von 130 000,- RM. Gleich nach dem Kauf des Berliner Hofes verhandelten die Firma Ebeling und die Ein- und Verkaufsgenossenschaft über den Tausch von Grundstücken. Ein- und Verkauf wollte den eben erworbenen Hotelkomplex gegen ein Areal direkt hinter seinen eigenen Grundstück gelegen, der Firma Ebeling gehörend, tauschen. Der Antrag nach GVO wurde beim Landrat gestellt. Mit Schreiben vom Landrat wurde der Antrag abgelehnt mit der Begründung, der Berliner Hof wird Lazarett und somit ist die Angelegenheit bis Kriegsende zurückzustellen. Bis ins letzte Quartal des Jahres wurde das Lokal noch bewirtschaftet. Die Grundbucheintragung zu Gunsten Ein- und Verkauf erfolgte am 14. September 1941.

Ende des Jahres 1941 war Schluss mit der Gastronomie im Berliner Hof. Ab 21. April 1942 wurde das Gebäude der Wehrmacht als Reservelazarett überlassen, es blieb bis zum Untergang des 1000jährigen Reiches 1945. Da kam der große Feuersturm und alles war vorbei.

(Quelle Stadtarchiv Bd. I 98/1868 Nr. 40)

Autor Herr B. Heese, Geschichtsverein Prenzlau

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