Tanzpalast und Börsenhaus

- Zum Hausgrundstück Stettiner Straße 43 -

Am 16. November 1807 verkaufte der Grundeigentümer Mühlmann einen Hektar Land, unmittelbar hinter der Wallanlage der Stadtmauer gelegen, an den Kaufmann Seefeldt.

Seefeldt errichtete auf diesem Areal in den folgenden Jahren ein Gebäude mit Restaurant. Bäume und Sträucher wurden gepflanzt, und so entstand auch ein größeres Gartenlokal. Im Jahr 1812 veräußerte Seefeldt die Anlage an den Gastwirt Kolberg.

Kolberg bewirtschaftete das Ausflugslokal bis 1858, dann verkaufte er Haus, Grundstück und Betrieb an den Schankwirt Strobel. Wie über Kolberg ist auch über Strobel nichts Näheres zu berichten. Er verkaufte das Lokal im Jahr 1865 an den Restaurateur Krüger. Krüger ist der erste Eigentümer, der Um- und Zubauten im größeren Stil vornahm. 1865 wurde ein Schießstand errichtet, 1866 entstand eine Kegelbahn. Der Höhepunkt der Bautätigkeit Krügers ist 1874 die Errichtung eines großen Glaspavillions im Garten. Die tragenden Elemente dieses Bauwerks bestanden aus Kunstguss und Stahl. Der so beliebte Kaffeeklatsch des Publikums sollte nicht durch schlechtes Wetter gestört werden. 1875 gründete der Eigentümer zusammen mit Albert Hensch eine Aktiengesellschaft. Im selben Moment wird bei der Königlichen Regierung in Potsdam eine Genehmigung zur Errichtung bzw. Abhaltung einer Börse beantragt.

Aufgrund dieses Antrages wurde von den Behörden ein Situationsplan von dem Grundstück, den Gebäuden und dem Restaurationsgarten verlangt. 1876 war es soweit: Die Königliche Regierung erteilte die Genehmigung zur Einrichtung einer Börse. Ab sofort wird in den Sälen und in den anderen Räumen zu festgelegten Zeiten eine Warenbörse abgehalten. Es wurde mit hiesigen landwirtschaftlichen Produkten gehandelt. Da wir inmitten eines guten und intensiv genutzten landwirtschaftlichen Gebietes liegen, konnte es sich nur um Erzeugnisse dieser Landwirtschaft handeln.

In den Amtsblättern der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin, die wöchentlich herausgegeben wurden, machten die Behörden die Preise, die momentan erreicht wurden, bekannt. So wurde im Monat Mai 1876 für 100 Kilogramm Weizen in Prenzlau 21,70 Mark, in Schwedt 19,74 Mark und in Angermünde 20,48 Mark gezahlt. Der Ladenpreis für ein Kilogramm Weizenmehl betrug zur selben Zeit in Prenzlau 0,36 Mark, in Angermunde 0,38 Mark und in Schwedt 0,50 Mark. Die Preisunterschiede sind erheblich, aber, wie erwähnt, den Amtsblättern entnommen. Der Eigentümer der Anlage war 1879 die Börsenhaus-Aktiengesellschaft. Das Geschäft lief offenbar gut, denn es wurden wieder umfangreiche Baumaßnahmen realisiert. Eine große Freitreppe zum Gartenrestaurant wurde geschaffen. Des weiteren wurde die Kegelbahn um mehrere Bahnen erweitert, ein Saalanbau durchgeführt und ein Billardzimmer eingerichtet. Das Börsengeschäft lief nebenbei.

Ziegler schrieb 1866 in seinem Werk über Prenzlau: "Während der Herbst und Wintermonate wird von der Kaufmannschaft alle vierzehn Tage eine Getreidebörse in einem eigens zu diesem Zwecke hergestellten Börsenhaus vor dem Stettiner Tor abgehalten, die von den Gutsbesitzern und Bauern sehr lebhaft besucht wird." Die Aussage "eigens zu diesem Zwecke hergestellt" ist allerdings nicht ganz richtig. Wir wissen, dass das Haus ein Vergnügungspalast war und zusätzlich an bestimmten Tagen als Börse genutzt wurde.

Hensch war dann 1900 höchstwahrscheinlich der Inhaber des gesamten Aktienpaketes. Er löste die Gesellschaft auf. Börsengeschäfte wurden zu dieser Zeit vermutlich nicht mehr getätigt, denn er verkaufte Haus, Grundstück und Inventar im selben Jahr an den Restaurateur Karl Gregor.

Auch dieser investierte in seinen erworbenen Betrieb. Es wurde ein neues, größeres, modernes Buffet eingebaut. 1902 wurde die Fassade des Gebäudes erneuert. Des weiteren wurde um die Genehmigung zur Aufstellung von drei größeren Fahnenmasten nachgesucht. 
1903 wurde ein Antrag bei der Baupolizei gestellt. 
Karl Gregor bat darin um die Genehmigung zur Errichtung einer Licht-Luftbadeanstalt". Zu dieser Badeanstalt gehörten natürlich auch Umkleidekabinen. 
In den ,Jahren 1950-55 wurden bei Umbauarbeiten bzw. beim Entkernen der Hof- und Gartenanlagen laut Zeitzeugen auch solche aus Holz gefertigten Kabinen abgerissen.

Am 3. Februar 1906 verkaufte Karl Gregor an Otto Schäper. Auch er bemühte sich um Verbesserungen und Vergrößerungen seines Vergnügungspalastes. Am 27.9.1906 war Baubeginn für einen Wintergarten. Er schloss sich an den bereits bestehenden Glaspavilion an und war eine neue Attraktion für das Etablissement. 1907 wurde wieder einmal der große Saal umgebaut, es wurde zusätzlich eine Galerie errichtet.

Am 5.12.1908, nach drei Jahren, war für Otto Schäper Schluss. 
Er verkaufte an ein Triumvirat, und zwar Schneidemühlenbesitzer C. Kosch, Baumeister H. Strohfeld und Kaufmann Weiß. 
Das Restaurant Börsenhaus wurde an mehrere Gastwirte verpachtet - zuletzt 1913 an den Restaurateur Pieper.

Am 5. Mai 1919 endete dann die Geschichte des größten Amüsierhauses in Prenzlau, denn Haus und Gelände wurden an die Landwirtschaftliche Kreisgenossenschaft GmbH verkauft. Diese richtete dort Büros und Werkstätten ein.

Nach 1945 zogen nacheinander der Volkseigene Ankaufsbetrieb (VEAB), die Staatsbank der DDR und nach der Wende die Deutsche Bank in das Haus ein.

1995 erfolgte dann mit dem Abriss das endgültige Aus für ein Gebäude das in den 112 Jahren seiner Existenz eine so lebendige und wechselvolle Geschichte erlebt hatte.

Manch Prenzlauer beklagt heute den Untergang des "Börsenhauses", aber der Lauf der Zeit geht eben über so vieles Liebgewonnene hinweg.

Autor Herr B. Heese, Geschichtsverein Prenzlau

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