Gaststätte in den Anlagen, am Strom Nr. 115  

Gartenlokal "Finkenkrug"- ehemals neben der dicken Platane in den Anlagen - Foto Kull
Foto 2 - mit Personen  Foto 3 - Anbauten  Foto 4 - am Strom zur Stadt zurück 

von Herrn  Harry Bleifuß,  PZ 14.03.01 

Foto 5 - 2 Damen Foto 6 - Giebel

Eigentum Stadtgemeinde Prenzlau, Flur 28, Flurstück 25 LB 1674, Gebäudesteuerrolle 1021, Bd. 67, Blatt 920

Die parkähnlichen Anlagen am Mühlenstrom wurden 1782 von einem Stadtrat  B.  Brodoehl angelegt und wahrscheinlich auch gestiftet (finanziert). Die Herren Stadträte nannten sich zu dieser Zeit Senatoren.

Das der Herr Brodoehl der Finanzier war, ist daraus zu entnehmen, dass die Stadt dort einen Erinnerungsstein aufstellte.

1875 waren diese Anlagen wieder Wildnis, die Natur hatte sich durchgesetzt. Jetzt trat der erste grüne Stadtkämmerer auf den Plan. Der Herr Strobel ist der Mann, dem die Prenzlauer den Stadtpark und die Anlagen am Strom und zur kleinen Heide zu verdanken haben. Das ganze Areal wurde neu gestaltet. Um die Anlagen zu pflegen und unter Kontrolle halten zu können wurde mittendrin ein kleines Gebäude errichtet. Dort quartierte der Magistrat einen Stadtgärtner samt Familie ein, die für Sauberkeit und den Erhalt der Anlagen zuständig waren. Aus diesem Gebäude entstand später die Ausflugsgaststätte. Den Namen Finkenkrug benutzte der Pächter Fincke ab 1937.
Dieser Name hat mit der Historie der Anlagen nichts zu tun.

Erstmals 1866, im Prenzlauer Wohnungsanzeiger wird ein Gartenhausbetreiber und Gärtner Döhring in den Anlagen erwähnt. Es werden bis der nächste Mieter in den Adressbüchern auftaucht, noch etliche andere Betreiber da gewesen sein, aber leider sind dafür keine Nachweis aufzufinden.

Von 1920 an wird ein Gastwirt Holzheimer als Pächter des Gartenlokals in den Anlagen am Strom 115 genannt.
Der Nachfolger des Holzheimer war ab 1928 Willi Grabert. Der Herr Grabert sollte nur fünf Jahre der Budiker in den Anlagen sein. Er teilte so manches Schicksal von Gastwirten, zuviel trinken, zuviel essen, er wurde krank und schied viel zu früh von dieser Welt. Zwei Jahre noch bis zum 15.4.1935 versuchte die Witwe des Willi Grabert das Geschäft weiterzuführen, dann gab sie auf. Sie kündigte ohne Gründe anzugeben den Pachtvertrag mit der Stadt.
Ein neuer Pächter stand bereit, schon vor der Kündigung der Frau Grabert am 20.3.1935 bewarb sich der Oberkellner Erich Fincke um das Gartenlokal. In seinem Bewerbungsschreiben erwähnte Fincke, dass er gehört hätte, dass Frau Grabert aufgibt. Der Herr Fincke war bereits neun Jahre beim Gastwirt Wasmannsdorf im Ausflugslokal Ratsberge Kleine Heide beschäftigt. Somit hat er für den Verpächter, die Stadt alle Voraussetzungen um so ein Lokal gut zu bewirtschaften.
Herr Fincke war durch seine Tätigkeit als Kellner auch bei den Herren der Stadt allseits bekannt, somit hatten andere Bewerber im Voraus schon mal die schlechteren Karten.
In seiner Bewerbung stellte sich der 39jährige Fincke als Kriegsteilnehmer 1914-18 vor, teilte außerdem mit, dass er Mitglied des Stahlhelm (Organisation ehemaliger Soldaten) sei und über 4000,00 RM verfüge. Am 19. April 1935 wurde der Pachtvertrag zwischen der Stadt Prenzlau (dem Bürgermeister Fahrenhorst), dem Pächter Erich Fincke und dessen Frau Luise Fincke, geb. Burmann, geschlossen. Die Pacht betrug jährlich 720,00 RM.

Die Familie Fincke ging ans Werk, sie bot alle ihre Mittel auf, um das Lokal wieder in einen akzeptablen Zustand zu versetzen. Fincke gab das alte Inventar der Stadt zurück und richtete "seine Gaststätte" mit eigenem Gestühl neu ein. Das Geschäft lief gut, die Artilleriekasernen wurden gebaut und im Sommer 1937 mit Militär belegt. Für viele Soldaten führte der Weg in die Stadt an Finckes Lokal vorbei. Fincke war stolz auf sein eigenes Geschäft und nannte sein Etablissement ab sofort "Finkenkrug". Da die Räumlichkeiten äußerst begrenzt waren und somit den erhöhten Umsätzen nicht mehr gewachsen waren, richtete Fincke Hilferufe an den Eigentümer, die Stadt Prenzlau. Am 3.1.1936 bat er um den Anbau einer neuen Küche, im Mai 1938 um die Erweiterung, Ausbesserung und Renovierung der Gartenveranda (Laube). 1939 dann noch mal um mehrere Ausbesserungsarbeiten am Gebäude und einen Außenanstrich. Es herrschte Hochkonjunktur vor dem Krieg, die Stadt hatte offensichtlich Geld und erfüllte Finckes Wünsche.
Die gute Zeit in die sich einige so wunderbar hineingelebt hatten, war über Nacht vorbei. Am 1. September 1939 brach der Krieg aus.

Im Februar 1940 beklagte sich Fincke beim Verpächter, sein Umsatz sei um 50% zurückgegangen, er könne die Pacht nicht in voller Höhe zahlen und bat um 50% Nachlass. Die Stadt lehnte ab. Fincke ließ nicht locker, er bezahlte nur den halben Pachtzins. Außerdem brachte er geforderte Umsatzzahlen bei und berief sich auf eine Überschwemmung des Mühlenstroms im Winter/Frühjahr 1940 in dem die Anlagen unter Wasser standen. Sein Lokal konnte von Niemandem erreicht werden. Nach einigem Hin und Her wurde Fincke für vier Monate die Pacht verringert. 
Das Spiel war noch nicht zu Ende. Beklagte sich Fincke am Anfang des Krieges wegen der Überschwemmung und in diesem Zusammenhang mit dem Ausbleiben der Gäste, so monierte er jetzt 1943 die zu geringere Zuteilung an Bier, Kaffee, Spirituosen und die verschärfte Verdunkelung (es brannten keine Straßenlaternen mehr).  
Er forderte die Niederschlagung der Pacht um die Hälfte.

1945 kam das bekannte "Aus" für Deutschland.  
Fincke musste seinen Betrieb aufgeben. Alle vorhandenen Räume, auch die Gastronomie waren als Wohnbehausung belegt.

1946 im August hatte sich die Situation etwas gebessert. Fincke wohnte im Dachgeschoss, unten in den Gasträumen wohnte eine Familie Hermann Mönke. Mönke hatte 1939 bis 1940 und von 1942 bis 1945 aus politischen Gründen im Gefängnis gesessen. Jetzt wollte er Fincke aus dem Haus haben und stellte am 24.5.1946 einen Antrag auf Gewerbegenehmigung für die Gaststätte Finkenkrug.

Bevor die Stadtverordneten und das Gewerbeamt ihre Entscheidung fällten, zog Mönke seinen Antrag zurück und zog auch aus dem Haus. Es trat noch ein Bewerber auf den Plan und auch Fincke wollte weitermachen. Der Antragsteller Fritz Heintze und auch Fincke bekamen einen abschlägigen Bescheid. Das Grundstücksamt der Stadt beschloss, die Gaststätte nicht wieder zu eröffnen. Die ehemaligen Gasträume wurden am 1.9.1946 an eine Familie Warsinke vermietet. Der Mietpreis betrug für die 83 m² Räumlichkeiten 45,92 RM.

1948, am 1. März erhält Erich Fincke alle Räume im Haus von der Wohnungsverwaltung zugesprochen. Die Familie Warsinke ist inzwischen ausgezogen. Fincke stellt einen Gewerbeantrag und eröffnet am 1. August 1948 seinen Finkenkrug wieder. Fast zwei Jahre dauert es, bis Fincke am 13. Juli 1950 vom Kommunalwirtschaftsunternehmen KWU einen Pachtvertrag erhält. Der Wortlaut und die Bedingungen waren fast die selben, wie vor dem Krieg. 
Es gab eine entscheidende und sehr gravierende Ausnahme, § 10: 
" bei Wirtschaftsvergehen, Arbeit gegen die staatliche Wirtschaftsplanung, kann der Verpächter sofort und fristlos kündigen".  

Zehn Jahre, bis 1961, bewirtschaftet das Ehepaar Fincke ihr Ausflugslokal. Nach Erreichen des Rentenalters 1961 kündigt Erich Fincke seinen Pachtvertrag und übergibt der staatlichen Handelsorganisation (HO) das Lokal. Familie Fincke bekam eine Wohnung in der Innenstadt zugewiesen und zog aus.

Wie alles in staatlicher Hand, es wurde nicht investiert, sondern mit dem übernommenen Inventar weitergewurstelt. Im Anfang der 1970er Jahre wurde über der Fäkaliengrube noch ein massiver Aufbau gesetzt, aber das war es dann auch schon. Das Haus und die Gartenanlage wurde nicht gepflegt. Der Verfall schritt immer weiter voran. 1978 kam das "Aus". Das Gebäude wurde abgerissen, heute ist nichts, aber auch gar nichts mehr, was an das Gartenlokal erinnert, vorhanden.  

B. Heese  

Quellen:  
Prenzlauer Adressbücher Mieck, Vincent 1866 - 1938, Archiv Wohnbau GmbH

Agenda 21 - Mein Vorschlag - Stromöffnung und Gestaltung der angrenzenden "Anlagen"

 

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