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Gaststätten "Die gute alte Zeit"
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In einem Beitrag zum neuen Jahr 1880 schreibt der Magistrat
der Stadt Prenzlau:
"Es ist im Hinblick auf längst verschwundene Zeiten
nach allen Seiten hin besser geworden, wie im Gesamtleben unseres Volkes, so
auch in dem engbegrenzten Kreise unserer guten Stadt. Es ist ein wenig Grund
vorhanden sich nach vergangenen Zeiten zurückzusehnen."
Der kurze kulturgeschichtliche Rückblick auf die
"ALTE - ZEIT" des Hotel-, Herbergs- und Gaststättenwesen ist aus geschichtlich historischer Sicht für
Bürger und für die Nachwelt trotzdem allemal berechtigt.
Es soll versucht werden, an Hand von Quellen aus Archiven
der Stadt von Bürgern sowie aus Zeitungen und Adressbüchern der letzten 150 Jahre
ein Bild zu zeigen, in dem der Beruf und der Stand des Gewerbes nachzuvollziehen
ist. Die Entwicklung in 150 Jahren mit ihrem Colorid mit den guten und
schlechten Seiten, mit all ihrem Für und Wider, aus Sicht der Bürger in unserer
Stadt und dem Umkreis.
Kneipen, Gasthöfe, Gaststätten und Hotels haben nicht immer den gewünschten
guten Ruf.
Kneipen gleich Bierlokal ohne Speisen.
Gaststätte gleich Lokal mit Speiseangebot.
Gasthof gleich Wirtschaft mit vollem Angebot von Getränken und Speisen, außerdem
Zimmervermietung und dazu noch Pferdeausspannung.
Diejenigen Bürger, die um jede Kneipe einen großen Bogen machen,
bezeichnen diese als Sündenpfuhl.
Die Menschen, die tagtäglich ihr Lokal besuchen, nennen "ihre Kneipe"
das besondere Glück im Leben. Beide Beurteilungen sind hochemotional und
deshalb nicht besonders zu bewerten.
Die große Mehrheit der Bürger, die sich leider all zu wenig zu Wort melden,
die aber die Mehrzahl der Gaststättenbesucher stellen, deren Urteil ist gefragt
und sie stimmen mit den Füßen ab. Die Gastronomie ist seit Menschengedenken so
gut oder so schlecht, wie die Zeit und ihre Systeme, so war es, so wird es immer
sein.
Wohl
nicht all zu viele Städte in Deutschland verfügten über eine so hohe Gaststättenfrequenz
wie die Kreisstadt Prenzlau. Die Ursache war in aller erster Linie im Militärstandort
zu suchen. Aber auch die überproportionale Zahl von Vereinen trug dazu bei.
Jeder Verein hatte sein Stammlokal, jede Behörde und jeder Betrieb seine Kneipe
mit "ihrem" Stammtisch.
Warum die Budike in ihrer jahrtausend alten Geschichte immer noch eine derartige
Anziehungskraft besitzt?
Das ist die Frage. Viele Antworten.
Der ideale Kommunikationsort der Gastwirt oder der Kellner, der sein täglich
neu erworbenes Wissen sofort unter die Gäste bringt. Wo derbe Witze die Runde
machen, wo auch mal über nicht Anwesende tüchtig gelacht wird, wo viele Männer
sich aus den häuslichen Zwängen entlassen fühlen. Es wir die große
Stammtischpolitik gemacht. Natürlich viel trinken und gut essen.
Kluge Leute haben eine wissenschaftliche Formel aufgestellt.
„Kneipe = heimisches Wohnzimmer plus X",
wobei „X" exakt das sei, was noch weiter erforscht werden muss.
Interessierte Bürger und potentielle Gaststättenbesucher, aber
insbesondere Stammtischexperten, redeten sich immer wieder die Köpfe heiß über
die Anzahl von gastlichen Stätten in der Stadt Prenzlau. Die Zahl einhundert
und mehr wurde immer wieder genannt und ins Spiel gebracht. Denn es ist und war
nur ein Spiel, eben ein Spiel mit Zahlen. Im Anzeigenkurier der Prenzlauer
Zeitung vom Dezember 1996 wird in einem Bericht über "800 Jahre
Gastlichkeit in Prenzlau" folgendes berichtet.
„116 Weinstuben, Wirts- und Gasthäuser sowie Geschäfte mit
Schankberechtigung wurden 1886 gezählt."
Es wird nicht angegeben, wer hier gezählt hat.
Leider
ist diese Aussage ohne Quellenangabe. Die Zahlen sind wahrscheinlich von J.
Ziegler 1886 aus: „Prenzlau die ehemalige Hauptstadt der Uckermark“. Zu
Ziegler: Er nannte diese Zahlen auf Seite 95 seines Buches, als Quelle gab er
an, "Die Aussagen dazu stützen sich auf Acten des Magistrats". Eine
ganz und gar nicht zufriedenstellende Auskunft. Welche Akten, welche Register
bei welchen Ämtern?
Seine Nachweise sind anzuzweifeln. Dass Herr Ziegler es mit den Fakten nicht so
genau nimmt, beweist er auf Seite 84. Dort schreibt er: "Während der
Herbst- und Wintermonate wird von der Kaufmannschaft alle 14 Tage eine Getreidebörse
in einem eigens zu diesem Zwecke hergestellten Börsenhaus vor dem Stettiner
Thor abgehalten."
Diese Aussage ist auf Bezug des Hauses schlichtweg falsch. Das Gebäude war der
Vergnügungspalast Wallrestaurant. Der Name Börsenhaus wurde erst gewählt, als
diese dort im Saal stattfand. Diese Produktenbörse hätte man in jedem anderen
Saal in der Stadt durchführen können.
In den noch vorhandenen Adressbüchern und Handelsregistern aus dieser Zeit ist
die Zahl 116 leider nicht zu ermitteln. In den achtziger Jahren des 19.
Jahrhunderts waren hier am Ort ansässig:
Vier Hotels, vier Konditoreien, ca. 25 Gaststätten, ca. acht Herbergen, dreißig
Kneipen ohne Speiseangebot und ungefähr zehn Lebensmittel- und Vorkosthändler
mit Probierausschank.
Das sind maximal achtzig Stätten, wo der Bürger Alkohol zu sich nehmen konnte.
Diese Zahl ist schon relativ hoch angesetzt, denn die Menge der An- und
Abmeldungen eines Schankgewerbes belief sich in einem Jahr auf die Summe zehn.
Das heißt in den Registern und Adressbüchern wurden Lokalitäten und Geschäfte
angegeben, die gar nicht mehr existierten. Somit sind die Zahlen der tatsächlichen
Wirtshäuser mit den diskutierten und beschriebenen weit auseinander. Somit ist
festzuhalten, dass Herr Ziegler schon 1886 der Urheber der Legende der 100
Kneipen in Prenzlau ist.
Wirkliche Gaststätten, wo tatsächlich gespeist und getrunken wurde und wo
Festivitäten stattfanden, waren in Prenzlau im langen Durchschnitt der letzten
150 Jahre immer nur 60 vorhanden.
Über
hundert Gaststätten und sogar 116, das ist wohl eher ein Märchen. In der
Endzeit der sogenannten goldenen zwanziger Jahre sind im Adressbuch die
absoluten Höchstzahlen angegeben: "siebzig Betriebe". Aber auch diese
Zahl täuscht, vier Geschäfte hatten schon das Gewerbe abgemeldet.
Nach der Gewerbeordnung im deutschen Reich gab es die Erlaubnis zum Kleinhandel
mit Branntwein. Kolonialwaren- und Feinkosthändler, Drogisten und Apotheker
verkauften häufig Branntwein oder Spiritus in kleinen Mengen an ihre
Kundschaft. Weinbrand als Genussmittel, Rum als Zusatz zum Tee, Arrak zur
Bereitung von Grog, Weingeist zur Selbstherstellung von Likören. Die Geschäfte,
die die Voraussetzung hatten, zum Genuss auf der Stelle (Beamtendeutsch), waren
auch im Besitz der vollen Schankkonzession. Die geforderten Voraussetzungen
waren folgende: Ein vom Verkaufsgeschäft unabhängiger Raum mit Einrichtung
(Tische und Stühle) und Toiletten mussten vorhanden sein.
Wenn all diese Ausschankmöglichkeiten in einigen Lebensmittelgeschäften
vorhanden waren, dann kommen wir 1886 in Prenzlau immer noch nicht auf über 100
Destillen.
Dass trotzdem eine so große Zahl von Gasthäusern existieren konnte, ist wie
schon erwähnt, auf das Militär, Vereine, Parteien und Berufsgruppen zurückzuführen.
Die Kneipiers kamen aus allen Berufen, gelernte Gastronomen gab es zu dieser
Zeit noch nicht.
Sie machten sich den Slogan zu eigen: "Wer nichts wird, wird Wirt".
Aus dieser Tatsache entwickelte sich eine sogenannte Berufsgruppenlokalität.
Die alten Kameraden oder Kollegen gingen nach Feierabend zu ihrem Karl oder
Wilhelm, denn er war ja einer von ihnen.
Die Beamten des Land- und Amtsgerichtes verkehrten im Deutschen Haus, auch die
Herren Rechtsanwälte fühlten sich dahingezogen. Aus naheliegendem Grund. Die
unteren Chargen trafen sich bei Braatz und hatten dort ihr zweites Zuhause.
So hatte jedes Gewerk seine bis zu drei Kneipen, dazu kamen die Vereine und
Parteien und zig andere Organisationen, die alle einmal im Monat, manche auch wöchentlich,
ihren Vereinsabend abhielten. Das war die Existenzgrundlage für den größten
Teil der Betriebe. Augenfällig waren viele Gaststättenbetreiber im Erstberuf
Fleischer oder Soldat.
Im Zuge einer Arbeit beim Uckermärkischen Geschichtsverein wird versucht, für
alle potentiellen Interessenten eine Übersicht für die Zeit von 1860 bis 1945
zu geben.
Es wird zu Ungereimtheiten kommen, es tauchen in Bildern und
Privataufzeichnungen Gaststättenbetreiber, höchstwahrscheinlich als
kurzzeitige Mieter auf, die in Adressbüchern nicht zu finden sind. Adressbücher
wurden nach Gutdünken des Verlegers in Abständen von drei bis vier Jahren
herausgegeben. Die Daten sind auch nicht in jedem Fall richtig.
In verschiedenen Publikationen aus dieser Zeit werden unterschiedliche Zahlen
beschrieben. In den Grund- und Hausakten des Stadtarchivs sind keine Daten über
Mieter in den jeweiligen Gebäuden vorhanden.
Die angegebenen Jahreszahlen sind die Daten, die in den Quellen, Büchern und
Handelsregistern, im Jahr der Veröffentlichung standen. Damit ist nicht gesagt,
dass der jeweilige Betreiber erst in diesem Jahr seinen Betrieb eröffnete bzw.
wie lange er schon sein Geschäft führte und ob er in diesem Jahr überhaupt
noch vor Ort war.
B.
Heese
Quellen:
Stadtarchiv Prenzlau
Adressbücher Mieck Vincent 1866 bis 1938
Das Gastgewerbe, M. Ehm, 1943
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