Hindenburghallen

Schnelle 2 vor der Mühlenpforte 1, Biergarten und Tanzlokal  

Die beiden westlichen bzw. nordwestlichen Stadttore Prenzlaus, das Mitteltor und das Anklamer Tor, gaben den Weg aus und in die Stadt Prenzlau frei. Beide Straßen führten durch sumpfiges Wiesengelände. Die drei Uckerabflüsse, Priestergraben, Ravitgraben und Mittelgraben flossen hier durch das Ückerurstromtal in die Ücker und dann der Ostsee entgegen. Der Boden ist hier fruchtbar und so nutzten die Prenzlauer diese Flächen schon im 13. und 14. Jahrhundert als Gemüsegarten. 
Zwischen den Ausfallstraßen entstand, parallel zum Uckerabfluss und in Sichtweite der Stadtmauer, so ein schneller Verbindungsweg. Eine Straße, die Schnelle war geboren?

Im 16. Jahrhundert hatten die Prenzlauer Bürger dort schon 15 Wohnhäuser errichtet. 200 Jahre später ca. 30 und bei Kriegsende 1945 standen dort 78 Wohnbauten.

Wo soviel Leben war, ist auch Vergnügen und Schwof (Tanz), demzufolge siedelten sich im 18. und 19. Jahrhundert dort mehrere Lokalitäten an. Eines dieser, das Größte, war der Bier- und Tanzpalast an der Schnelle 2.

Da innerhalb der Stadtmauer aus räumlichen Gründen überhaupt keine Voraussetzungen vorhanden waren, folgten diesem Beispiel Anfang des 19. Jahrhunderts zwölf weitere Budiker. Somit entstanden in dieser Zeit zwölf Amüsierpaläste. Kurgarten, Elisabethgarten, Volksgarten (Niklas), Concordia (Hindenburghallen), Tivolie (Vergnügungsort), Kaisergarten (Hotel Berliner Hof), Lindenhallen (Krukow), Börsenhaus, Schützenhaus, Reicherts Festsäle (Fürst Bismark), Süßer Grund, Bürgerhof (Kammerlichtspiele) und im Sommer Kaprestaurant, kleine und große Heide.

Im Jahr 1830 verkaufte der Landwirt und Fuhrmann Wipp aus seinem Grundstück heraus ca. 2 100 m² Land  an den Gastwirt Wittig. Schon im selben Jahr ließ Wittig, laut Baugenehmigung, einen Saal, einen Gastraum, Küche, Wohnstube, Schankraum und Kammer, alles aus Holzfachwerk ausgemauert, errichten. Sein Etablissement nannte Hans Wittig „Concordia" (röm. Göttin der Eintracht).

Nach acht Jahren verkaufte Wittig an den Gastronom Leberecht Lüdke. Dieser Herr Lüdke entfaltete ab 1839 einige bauliche Aktivitäten. 1840 erfolgte ein Saalanbau. In den folgenden Jahren bis 1849 ließ Lüdke noch folgende Baumaßnahmen durchführen. Die Toilette (Plumsklo) wird ausgebessert und vergrößert, der Saaleingang erhielt einen Vorbau (Windfang). Die Küche wurde ausgebaut und modernisiert. Es wurde ein russisches Rohr errichtet, ein eiserner Schornstein, dazu ein Backofen und eine Kochmaschine aufgestellt (Kochherd).

Am 16. August 1849 war Lüdke seine Zeit vorbei, das Anwesen wurde an August Hiolstein verkauft. Der Gastwirt Hiokstein bewirtschaftete den Betrieb nur drei Jahre. Hiokstein entwickelte in seiner Zeit keine besonderen Initiativen, er tat nur das, was ihm die Behörden bei Kontrollen auferlegten.

1852 ging das Objekt an den Gaststättenbetreiber Hans und dessen Ehefrau Dorothea Lüdke. Die Eheleute sollten sechszehn Jahre gemeinsam den Saalbetrieb, das Restaurant und den Biergarten für ihre Gäste offen halten. Der erste und einzige größere Neubau der Besitzer wurde im Jahr 1854 geplant, genehmigt und auch verwirklicht. Ein Kegelhaus mit mehreren Bahnen wurde gebaut. Aus Platzgründen war das Objekt zweigeschossig , die Zuschauer saßen auf einer Galerie und konnten von dort dem sportlichem Treiben zuschauen. Im Jahr 1867 starb Hans Lüdke und seine Ehefrau musste ohne männliche Hilfe den Betrieb aufrecht erhalten. Wegen der Erbschaftssteuer ließ das Gericht das Grundstück mit Immobilie schätzen. Der Wert wurde mit 5 050 Thaler festgelegt.

Ein Jahr später, 1869, verkaufte Frau Lüdke das Geschäft an die Fattschildschen Erben. Die Familie Fattschild war eine Kaufmannsfamilie, die schon des längeren im Gewerbe war und in Prenzlau bis ins Jahr 1945 tätig blieb. Die gastronomische Einrichtung lief immer noch unter den Namen Tanzrestaurant Concordia. Wer von den Fattschilds die Wirtschaft betrieb oder ob überhaupt ist nicht mehr herauszufinden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde das Etablissement vermietet. Es spricht einiges dafür, denn in den zweiundzwanzig Jahren, in dem die Concordia im Besitz der Fattschilds war, wurden keine Baulichkeiten vorgenommen.

Am 4. Juli 1891 ging das Objekt laut Notarvertrag an Herrn Otto Thiele über.

Herr Thiele war der neue Bauherr, heute würden wir sagen, endlich ein Investor. Thiele ließ den gesamten Komplex abreißen. Der Saal war schon seit längerem gesperrt und alles übrige war auch marode und abbruchreif. Damit war die alte Concordia verschwunden. Nach der Baugenehmigung wurde noch im selben Jahr der Neubau, Prenzlaus größter Saalbau, begonnen. 
Laut Bauantrag bestand der Komplex aus einem Saal mit Bühne, dazu zwei Künstlergarderoben, einem Speisesaal, einem Damenzimmer, zwei Gästezimmer, einem Billardzimmer, einem Wohnzimmer, einer Küche mit Speisekammer. Des weiteren waren Herren- und Damengarderoben und
Toiletten vorhanden. Im Obergeschoss war ein kleiner Saal mit Nebenräumen und Wohnung, im Kellergeschoss eine Waschküche und Lagerräume. Also ein sehr umfangreicher Bau, der sich bis in das Jahr 1892 hinzog. Bei der großartigen Eröffnung stand der neue Name über alles. Ein neuer Bau, ein neuer Name, „Konzerthaus“. Damit wollte der Erbauer aller Wahrscheinlichkeit nach hervorheben, dass sein Konzerthaus ab jetzt das erste am Platze ist. Herr Thiele war ein umtriebiger Mann, die Bauerei ging weiter. 1894 wurde ein Wintergarten und eine Veranda gebaut. Was den Herrn Thiele veranlasste schon drei Jahre nach Fertigstellung des Neubaus größere Umbauarbeiten vorzunehmen, bleibt offen.

1895 erging eine Anzeige der Baupolizeibehörde an den Eigentümer des Konzerthauses. Es wurden erhebliche Veränderungen baulicher Art vorgenommen, dazu wurden keine statischen Berechnungen erstellt, unter anderem wurden elf Mauerdurchbrüche für Fenster und Türen geschaffen. Im Jahr 1895 wurde für den Biergarten eine Außentoilette errichtet. Des weiteren der Garten durch einen Staketenzaun mit Einlasspforte eingefriedet.

Am 15. Mai 1897 erschienen Herr Otto Thiele und Herr Georg Winkelsesser beim Notar Dietrich in der Schulzenstraße und schlossen folgenden Vertrag. Mit Vertragsunterschrift gehen alle Rechte und Pflichten an Herrn Winkelsesser über. Der Kaufpreis beträgt 20 000,- Goldmark. Die Zahlung erfolgt nach Eintragung in das Grundbuch. Wie und ob die Zahlungsmodalitäten abgeschlossen wurden, ist nicht bekannt. Herr Otto Thiele hatte sich in seiner Planung mit dem Bau und der Bewirtschaftung seines Konzerthauses offensichtlich verkalkuliert. Thiele ging nach Berlin und wurde Geschäftsführer in einer Aschinger-Gaststätte (größte Gaststättenkette). Ein paar Jahre später war er wieder in Prenzlau und mietete die Eckkneipe am Paradeplatz (Stettiner Str. oder Thomas Münzer Platz). Der Herr Winkelsesser kam mit dem gut laufenden Etablissement nicht zurecht oder er war ein Spekulant.

Nach zwei Jahren, am 1. August 1899, verkaufte er das Haus schon wieder an die Gastwirtsleute August Maass und Frau. Der Kaufpreis betrug 21 900.- Goldmark. Eine erhebliche Wertsteigerung in zwei Jahren. Die Familie Maass sollte zehn Jahre das Konzerthaus betreiben. Auch der neue Eigentümer kam um die Bauerei nicht herum. Schon im selben Jahr wurde wieder ein Toilettenneubau errichtet und die vorhandenen saniert. Das alte Kegelhaus von 1854 war ja dem Neubau 1892 zum Opfer gefallen. Familie Maass wollte an die alte Tradition und der wahrscheinlichen Nachfrage anknüpfen und somit wurde im Jahr 1900 eine Kegelbahn gebaut. So wie es 1867 Frau Lüdke erging, traf es jetzt die Ehefrau des Maass, der ging im Herbst 1908 von dieser Welt.

Die Witwe ließ schon am 18.10.1909 ihren Sohn Ernst Maass als neuen Besitzer eintragen. Frau Maass schenkte ihrem Sohn wahrscheinlich nicht all zuviel Zutrauen, denn sie ließ das Objekt mit 20 000,- Mark zugunsten der Berndtschen-Waisenhausstiftung belasten. Trotz des relativ guten Geschäftes war Maass Junior nicht der Betreiber des Lokales, bis zum Weltkrieg 1914 war es mehrmals vermietet. Die traurigste Zeit des Konzerthauses begann. Am 22. Februar konfiszierte die königliche Militärverwaltung das Haus und richtete dort das Reservelazarett B. Nr. 249 ein. Schon am 9. Juni 1916 erhielt Ernst Maass ein Schreiben der Militärverwaltung, in dem ihm mitgeteilt wird, dass das Militärlazarett mit sofortiger Wirkung aufgelöst ist. „Reservelazarettkoommision: drei Unterschriften“. Jetzt erfolgte ein von Rechtsanwälten unterstützter Streit mit der Militärverwaltung um Entschädigung, Wiedergutmachung und Instandsetzung. Maass erhielt 750,- Mark.

Nach vier Wochen der Auseinandersetzungen verzichtete Ernst Maass, laut Notarvertrag vom 29. Juli 1916, auf sein Eigentum. Maass begründete den Verzicht folgendermaßen: Nach der Räumung durch die Heeresverwaltung (Lazarett) ist das Objekt in so einem schlechten Zustand, dass es nicht vermietet werden kann.

Ernst Maass verfügt über keine eigenen Mittel (Geld). Eine Hypothek kommt nicht in Betracht, wird auch nicht gegeben, da die Grundschuld zu hoch ist.

Der Versicherungswert betrug am 28. Juli 19155 noch 53 000,- Mark.

Der Schuldenberg hatte sich in den Jahren auf ca. 40 000,- Mark erhöht. Darin war die Belastung für die Waisenhausstiftung enthalten. Da das Haus jetzt ohne Besitzer war, musste sich die Gemeinde darum kümmern. Der größte Gläubiger war die Berndtsche - Waisenhausstiftung. Der erste Bürgermeister und der Stadtkämmerer übernahmen die Interessenvertretung der Stiftung. Am 17. September 1917 erfolgte die Versteigerung des herrenlosen Konzerthauses. Es waren sehr schlechte Zeiten in Deutschland, der Krieg galt bei rechnenden Kaufleuten als verloren. Das hatte zur Folge, dass kein Gebot abgegeben wurde. Somit erhielt der erste Gläubiger, das Waisenhaus, den Zuschlag für 12 018,34 Mark. Im Monat darauf wurde die Berndtsche - Waisenhausstiftung als neuer Eigentümer eingetragen. Ihre Vertreter in Prenzlau, der Bürgermeister und der Stadtkämmerer versuchten das Objekt an den Mann zu bringen. Der Leerstand verursachte Kosten und Schäden am Gebäude. Die Stiftung wurde immer wieder zur Kasse gebeten und das war ja nun wirklich nicht Sinn der Sache. Der Krieg war zu Ende, von normalen Verhältnissen konnte keine Rede sein, aber es fand sich nun doch ein Käufer.

Am 22. Januar 1919 wurde der Kaufvertrag zwischen dem Bürgermeister, als Vertreter der Stiftung, und dem Händler Herr Otto Romeicke geschlossen. Romeicke war der Betreiber der Prenzlauer Fischhallen und Obsthändler an der Schnelle 29, heute garagenbebautes Grundstück. Das Firmenlogo lautete: „Otto Romeicke, Prenzlau Obst- und Fischhandlung Endeteil und Engros, Vertrieb von lebenden Fischen, Räucherwaren aller Art, sowie frische Seefische“. Der Kaufpreis für das Konzerthaus betrug 23 000,- Mark. Für den Neueinsteiger Romeicke, vom Händler zum Gastwirt, waren die Voraussetzungen mehr als schlecht. Der Krieg verloren, die alte kaiserliche Ordnung brach zusammen. Trotz alledem mussten Kredite zurückgezahlt und Zinsen getilgt werden. Das Jahr 1922 brachte dann die ganze große Krise, die Inflation brach aus. Ende des Jahres 1923 musste man für einen Dollar 4,2 Billionen Reichsmark zahlen. Um bei Romeicke ein Glas Bier zu trinken, mussten die Gäste einen Koffer voll Geld mitbringen. Das Gute für Schuldner, die Gläubiger drängelten nicht nach ihrem Geld. Sachwerte waren gefragt. 1924 sanierte die Große Koalitionsregierung die Währung und führte die Rentenmark ein. Eine Billion alter Mark gleich eine Rentenmark. Die Wirtschaft konsolidierte sich nicht sofort, es dauerte noch einige Jahre bis auch für Romeicke und sein Konzerthaus die goldenen Zwanziger Jahre anbrachen. Entgegen aller Widerstände, es wurde gebaut. 1925 mit Genehmigung von 5. September wurde ein Garderobenanbau hochgezogen. Wann der Name Hindenburghallen den Name Konzerthaus ablöste, ist nicht festzustellen. Der „Alte“ Kriegsfeldmarschall Hindenburg wurde von 1925 bis 1934 zum Reichspräsidenten gewählt. Für den Namen Hallen hatte Romeicke offensichtlich eine Passion, so schon „Fischhallen“. Als offensichtlich national eingestellter Mann wählte er den neuen Namen für sein altes Konzerthaus.

Am 6. Februar 1933 wurden die Grundschulden im Grundbuch der Hindenburghallen von 4 000,- Goldmark bzw. 40 000,- Mark umgewertet und mit 20 000,- Reichsmark eingetragen. Auch Romeicke hatte Ärger mit den Behörden. Am 21. März 1935 fand eine Sicherheitsbegehung und Brandschau von Baupolizei und Feuerwehr statt.

Es wurden mehrere Mängel festgestellt und ein Termin zur Abstellung vorgegeben. Romeicke konnte oder wollte die Mängel nicht abstellen. 
Ein Strafmandat von 75,- Mark erging. Aber der Gaststätteninhaber zahlte nicht. Im September 1935 kam der Gerichtsvollzieher und nahm die Versteigerung eines Buffet zugunsten der Steuerkasse vor. Otto Romeicke gab nicht nach, er erkannte die Mängel zum größeren Teil nicht an und ließ dazu Gutachten erstellen. So zum Beispiel über die leicht entflammbaren Bühnenvorhänge. Der Malermeister Bagemihl bescheinigte ihm, dass die Vorhänge schwer brennbar sind. Es half nichts, Romeicke mußte zahlen. In mehreren Schreiben wurde die Forderung erhoben, den Saal in würdigen Zustand versetzen zu lassen. Romeicke sagte zu, tat es aber nicht. Das ging soweit, dass die Behörde mit Schreiben vom 23.07.1936 die NSDAP Kreisleitung um Hilfe bat. Romeicke hatte ein ganz spezielles Verhältnis zur NSDAP. Jahrelang, vor der sogenannten Machtergreifung 1933, waren die Hindenburghallen der geweihte Versammlungsort der Partei. Nach 1933 wurden die Räumlichkeiten als aus der Kampfzeit historischer Saal bezeichnet. 
Die sechsmaligen Behördenschreiben blieben erfolglos, die NSDAP antwortete nicht. Otto Romeicke ist der dritte Budiker, der im Hause starb, nach Hans Lüdke und August Maass.

Am 14. Juli 1939 ist die Witwe Romeicke, geb. Lenke, ins Grundbuch als neuer Eigentümer eingetragen worden. Sie sollte der letzte sein. 1939 am 6. Mai wurde wieder gebaut, eine neue Waschküche und ein Stall. Im August war dann Schluss mit fröhlich, die Militärverwaltung beschlagnahmte das Haus als Reservelazarett. Anfang Juli 1940 wurde die Sache wieder rückgängig gemacht. Sollte man aus solchen Vorgängen politische Mutmaßungen ziehen? Der gastronomische Betrieb wurde wieder aufgenommen. Dann im August 1940 der letzte Bauantrag, eine Kammer wurde angebaut. 1943 wurde noch einmal der Antrag auf Zuweisung von Baukapazität für die Teerung der 650 m² Pappdächer gestellt (Kriegswirtschaft). Solch ein Antrag wurde schon mal im vorausgegangenen Krieg am 21.11.1918 gestellt (Duplikat der Ereignisse). 1943 kam der Krieg zurück, der Tanzpalast wurde wieder Lazarett, erst „Reserve“ und dann 1945 Frontlazarett.

Am 24. April wurden die letzten Soldaten verlegt. Zwei Tage später überrannten die russischen Truppen die Stadt und am darauffolgenden gab es die Hindenburghallen nicht mehr.

(Quelle Stadtarchiv Bd. 67/Blt. 912) (Luise Böhm, Heimatkalender 1936, S. 83)

Autor Herr B. Heese, Geschichtsverein Prenzlau

Zusatz U. Mirr
Heute findet man an gleicher Stelle einen
Garagenkomplex und das attraktive Gästehaus der Familie D. Kobus

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