Gaststätte  "Kleine Heide"

Restaurantion  Carl Fattschildt vor 1890

Foto:  später mit Umbauten -  Inh. A. Wasmannsdorf ca. 1923-1945

Foto:  12/2000

Foto:  Eingang Stadtforst

Kein Archiv in Prenzlau Stadt und Land gibt Auskunft über das Haus in der Prenzlauer Stadtforst, kleine Heide.

Das Haus an der Berliner Landstraße gelegen, ist aller Wahrscheinlichkeit nach in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts, um 1840, erbaut worden. Da es von Stadtgemeinde Prenzlau errichtet wurde, kann man nicht daran glauben, dass es als Ausflugslokal gedacht war. In den ersten Jahren wurde es vorzugsweise als Haltestelle für die damalige Pferdepost und als Depot für die Forstbehörde genutzt. Aus der Raststation der Post entwickelte sich dann die Restauration.

Die Stadtoberen hatten die Zeichen der Zeit erkannt. Das Gebäude wurde etwas umgebaut und an einen Gastwirt verpachtet. Neben der Landstraße wurden die Anlagen, die schon neben dem Mühlenstrom entstanden waren, erweitert und bis zur Heide neu angelegt. Die ersten naturverbundenen Stadtväter unter Kämmerer Strobel bekamen die Oberhand. Diese Anlagen machten die Wanderungen aus der Stadt hinaus zur Kleinen Heide für viele Bürger zu einem Erlebnis. Der gastronomische Umsatz sprengt alle Kapazitäten und so ging über einen längeren Zeitraum das große Bauen los. Das Haus wurde vergrößert, ein Saal angebaut, ein Biergarten mit Laube erstellt. Ein neues Abstellgebäude und Toiletten (Plumpsklosetts) gebaut. Die Pächter wechselten aus unterschiedlichen Gründen. Das Verhältnis zu den Herren der Stadt war zu allen Zeiten nicht immer bequem. als einer der Betreiber ist die Familie Fattschild bekannt.

Die Fattschilds begegnen uns in Prenzlau über 150 Jahre als Gaststätten- und Lebensmittelhändler. Ungefähr ab 1900 führte sie hier das Regime zu dieser Zeit wurde für das Infanterieregiment 64 in der Heide, am Nordwestende, eine Schießanlage errichte, so dass von dieser Seite das Geschäft auch noch belebt wurde.

Dieser Schießstand hat nichts mit der Anlage der Wehrmacht aus dem Jahr 1936/37 zu tun. Der sich ja unmittelbar hinter der Gaststätte, auch noch heute, befindet.

1920 taucht, nur auf Postkarten, eine Familie Senftleben als Restaurantbetreiber auf.

Danach führte etwa 20 Jahre lang, bis 1945, ein ehemaliger Berufssoldat das Regiment. Und das im Sinne des Wortes, denn Alfred Waßmannsdorf war bis zum Abzug des Militärs aus Prenzlau, 1928, Regimentskoch. Erst bei den 64ern und dann bei der Reichswehr.

Jetzt wird zum erstenmal zu Werbezwecken der Name Waldwirtschaft "Ratsberge" am Objekt gezeigt.

Nach Kriegsende bis September 1945 war im Haus ein Straßenkontrollposten der Roten Armee untergebracht. Als die Sowjets das Gebäude frei gaben, fanden dort Flüchtlingsfamilien Unterkunft. Die Belästigungen durch Soldaten der Roten Armee waren erheblich. Der Schießplatz war gleich nebenan und die Kasernen nicht weit weg.

Ende der vierziger Jahre zogen die Mieter nach und nach aus und die Stadtverwaltung bemühte sich die Gebäude wieder als Gaststätte zu verpachten. Da die wirtschaftlichen Verhältnisse noch nicht allseitig geordnet waren, hatte die Behörde wenig Einfluss auf die Auswahl der Pachtbewerber. Bis 1951, als der gestandene Gastwirt Braatz das Ausflugslokal übernahm, wechselten die Pächter all zu oft. die Aufsichtsbehörde und die Polizei war mehr als einmal im Haus.

Dann endlich, als der Pächter, der mehr dem Viehhandel als dem Gaststättengewerbe nachging und mehrere Strafverfahren am Hals hatte, das Gebäude räumte, konnte der erwähnte Herr Braatz dort loslegen.

Die Familie Braatz betrieb bis 1945 eine Gaststätte mit Pension in der Vincentstraße Nr. 401.

Am 16. Juni 1951 wird von der Stadt, vertreten durch den Bürgermeister Karl Bitter und Franz Braatz, ein unbefristeter Pachtvertrag abgeschlossen. Am 1. März 1955 kündigen Frau und Herr Braatz aus gesundheitlichen Gründen den Vertrag. Für viele Prenzlauer waren die dreieinhalb Jahre der Bewirtschaftung durch Braatz die absolut besten der Nachkriegszeit. Die fünfziger Jahre brachten im Allgemeinen für die Bürger einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung. Von den Jahren bei Braatz in der Kleinen Heide schwärmten viele Prenzlauer.

Ein neuer Bewerber stand schon vor der Tür. Es ist der ehemalige Wirt der Kap-Gaststätte in Prenzlau, Otto Wiedemann, der diese Anfang der fünfziger Jahre bewirtschaftete.

Herr Wiedemann hat zusammen mit seiner Tochter einen sehr guten Leumund. Die Gaststätte Am Kap wurde von ihm zur vollsten Zufriedenheit der Gäste und des Eigentümers betrieben. Sein Weggang war mit all zu schlechten Verdienstmöglichkeiten begründet. Er nahm das Angebot der HO Templin an und leitete dort das Hotel Uckermärkischer Hof. Seine Bewerbung fand offene Ohren bei der Stadt. Mit Vorlage vom 3.3.1955 wurde den Stadtverordneten empfohlen, der Kündigung durch Braatz und die Übernahme durch Wiedemann zuzustimmen.

Jetzt kam die Politik ins Spiel. Mit dem selben Datum, am 3.3.1955 stellte der Direktor der HO-Gaststätten, der Herr Domes, den Antrag, die Stadt möge seinem Betrieb das Objekt Kleine Heide übertragen. Langfristig versteht sich. Am 10.3.1955 nahm der Stadtrat den Beschluss zurück und übertrug der Handelsorganisation (HO) mit Wirkung vom 1. April 1955 in Rechtsträgerschaft (kostenlose Übereignung?) das Gaststättenobjekt Kleine Heide.

Am 29.3.1955 bekamen Frau und Herr Braatz eine kurze schriftliche Mitteilung, dass der Auflösung des Pachtvertrages zugestimmt wird und in einem Satz wurde für die zufriedenstellende Bewirtschaftung gedankt.

Herr Otto Wiedemann erhielt den abschlägigen Bescheid mit der Begründung, dass aus "volkswirtschaftlichen Gründen" der HO das Objekt übertragen wurde. Im nachhinein kann man feststellen, dass die HO von 1955 bis 1990 dort mehrere Leiter einsetzte, die mehr oder weniger zu dem zeitweise nicht all zu guten Ruf des Ausflugslokals beitrugen.

Am 12.4.1955 erfolgte die Übergabe an die HO. Das Protokoll führte einen Zeitwert von 63.367,21 Mark an und nannte folgende Räumlichkeiten: ein Schankraum mit Gästezimmer, ein Abstellraum, ein Gastzimmer, ein Saal, eine Küche, Wohnraum, zwei Zimmer mit Küchenbenutzung, vier Fremdenzimmer, diverse Kellerräume. Außen: Stallgebäude mit Toiletten, Autogarage, eine überdachte, von drei Seiten geschlossene Veranda (Laube) im Biergarten.

Aufgenommen von der VEB (G) örtliche Grundstücks- und Wohnungsverwaltung Prenzlau (Bentzin, Harms) HO Gaststätten (Domes, Fleuter).

Die Herrschaften der Stadt und der HO waren sich wohl nicht über die rechtlichen Bedingungen ihres Tuns im Klaren, denn sie schlossen mit selbigem Datum noch gleich einen Nutzungsvertrag. In diesem Papier wurden jährliche Zahlungen für Inventar und Gebäude festgelegt. "Wahrlich ein Unikum."

Diese Zweideutigkeiten führten in den folgenden Jahren zu kuriosen Streitigkeiten zwischen die Stadt und der HO. Die HO schrieb, sie wolle renovieren, die Stadt sollte bitteschön vorher das Dach neu decken. Die Stadt antwortete, die HO ist Rechtsträger, somit Eigentümer oder nicht? (Stadtkämmerer Fürli)

1956 erste Renovierung durch die HO, aber nur malermäßig. Die HO ließ nicht locker. Im Jahr 1960 teilte sie der Wohnungsverwaltung mit, dass 1961 eine Generalreparatur fällig sei, die Stadt solle dafür schon mal 50.000 MDN (Mark Deutsche Notenbank) einplanen. Tatsächlich wurde 1965/66 eine Generalreparatur vorgenommen. Die Stadt stellte 20.000 MDN aus ihrem sogenannten Rücklagefonds zur Verfügung, den Rest brachte die Wohnungsverwaltung auf.

Im Winter 1967/68 kam es für die Gaststätte ganz dicke. Der vorhandene Brunnen gab kein Wasser mehr. Um den betrieb aufrecht zu erhalten, wurden Jauchetonnen als Wassertonnen umfunktioniert und die HO hatte ein zusätzliches Ärgernis am Hals: täglich wurde Wasser gekarrt.

Im folgenden Jahr war es dann endlich soweit, die PGH Glückauf Brunnenbau Prenzlau und der VE Spezialbau Sprengtechnik Berlin machten sich ans Werk und bauten einen neuen Brunnen. Ab März 1969 floss wieder das Wasser. Eine vorgesehene Legung einer Wasserleitung von den Kasernen bis zur Kleinen Heide wurde aus Baukapazitätsmängeln verworfen. Im Frühjahr 1974 beschwerte sich die HO über den neuen Brunnen, die gemauerte Einfassung und die Abdeckung waren schon wieder entzwei.

1977, im Sommer, schrieb der HO-Direktor einen Brief an die inzwischen zum VEB Gebäudewirtschaft umgewandelte Wohnungsverwaltung. In diesem Brief ging es wieder mal um die Rekonstruktion und Renovierung des Lokals Kleine Heide. Wörtlich: "Entsprechend einem Auftrag unserer Partei haben wir die Gaststätte Kleine Heide zu einer Charaktergaststätte mit besonderem Erlebnisbereich zu schaffen."

Für die Nachwelt ist festzuhalten, es gab mehrere Parteien, wenn aber von unserer Partei gesprochen wurde, war es immer die kommunistische SED. Die HO wollte 100.000 MDN investieren und forderte von der Gebäudewirtschaft, sich mit 20.000 MDN an dem Außenbereich zu beteiligen.

Die Maßnahme wurde auch in Angriff genommen und war dann 1978 die letzte große Renovierung vor der politischen Wende 1990.

Nach der Vereinigung Deutschland und der damit verbundenen Auflösung des staatlichen Handels (HO) kam das Objekt Kleine Heide wieder in städtischen Besitz. Es wurde mehrmals verpachtet, mit wenig Erfolg. Die Betreiber wechselten all zu oft.

1994 kam endlich der richtige Mann.
Im selben Jahr wurde der Kaufvertrag geschlossen und Herr Malingriaux konnte sich ans Werk machen.
Die vierzig Jahre kommunistisches Gaststättenniveau mussten erst mal beseitigt werden. Denn es roch überall nach "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen."
begann mit einem umfangreichen Bauprogramm und machte aus der Kleinen Heide wieder ein deutsches Haus.
1996, von vielen Prenzlauern ersehnt, öffnete die Ausflugsgaststätte Kleine Heide wieder im neuen deutschen Glanz.

 B. Heese

Quellen:
Prenzlauer Adressbücher Mieck, Vincent 1866-1938, Archiv Wohnbau GmbH

Zusatz U. Mirr
Herr Malingriaux hat der Gaststätte nicht nur eine herrliche beschattete Freiterrasse verpasst, sondern auch für die Besucherkinder mit viel Liebe etliche Gehege mit allerlei Getier (Streichelzoo) errichtet.

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