Entdecker
Hans Jürgen Schulz

geht dem nach, was der 900jährige Baum in der
Mitte des Gewässers erlebte
Prenzlau
(EB). Es gibt Leute, die können in denkwürdiger Stunde über ein
ganzes Jahrhundert erzählen. Weil sie selbst ein denkwürdiges Alter
von 100 Jahren und mehr erreichen. Über ein ganzes oder gleich zwei
Jahrtausende indessen vermag kein Sterblicher zu berichten. Könnten Bäume
reden, dann würden sie es schaffen. Was eine uralte Eiche vom Uckersee
zu erzählen hätte, darüber machte sich Hans Jürgen Schulz,
Handwerksmeister und Mitglied des Prenzlauer Geschichtsvereins,
Gedanken.
"Meine betagte Mutter spendete schon Schatten, als Kaiser Otto I.
948 das Bistum Brandenburg gründete. Die Menschen, welche sich Ukranen
nannten, gehörten dem westslawischen Volksstamm an und lebten im Gebiet
der heutigen Uckermark.
Meine Mutter erzählte mir Geschichten, über jene, die unter ihrer
Laubkrone Schatten suchten.
Ukranen
zahlen Tribut
Die Ukranen mussten schon 965 den Zehnten
an Silbertribut zahlen, der Kaiser befahl es, und die Kirche bekam es
geschenkt. Die vom Kaiser eingesetzten Markgrafen, unter ihnen der gefürchtete
Gero, verbreiteten Angst und Schrecken.
983 befreiten sich die slawischen Stämme von der deutschen Herrschaft,
es kehrte etwas Ruhe ein. Der slawische Lutizerbund zerfiel und rings um
das Land der Ukranen bildeten sich feudale christliche Staaten, die
durch viele kleinere Kriegshandlungen entstanden.
Etwa um 1100 entließ mich meine Mutter und ich landete als Eichel auf
dem Waldboden.
So konnte ich durch die gut gedüngte Erde, wofür meine Mutter jedes
Jahr durch den Abwurf ihrer Blätter sorgte, meine Nase aus dem Boden
stecken und langsam zu einem kleinen Baum heranwachsen. Jetzt konnte ich
selbst die Geschichten der Menschen erleben, aber nicht sehr lange schützte
mich noch meine Mutter.
1147, ich war schon ein stattlicher Baum und meine Baumkrone sah weit
ins Land, hörte ich, dass schon wieder fremde Menschen in mein Land
eindrangen. Es wurde von einem Kreuzzug gegen die Wenden gesprochen, zu
denen ja die Ukranen zählten. Die norddeutschen Fürsten verwiesen auf
die heidnischen Slawen, die zu bekehren waren. Ein Fürsprecher des
Kreuzzuges wurde der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux.
Entscheidend für die Territorialaufteilung wurde der Fürstentag in
Havelberg im Sommer 1148. Der geladene Fürst Ratibor von Pommern-Demmin
bekannte sich zum Christentum. Der pommersche Fürst zu Stettin nahm das
Land der Ukranen zu der Zeit mit Gewalt ein und ließ die Burgen
besetzen. Auch die größte slawische Burganlage in Drense konnte sich
nicht dagegen wehren. Die für die Ukranen so wichtige Burgwallinsel im
Oberuckersee war ein wichtiges Widerstandszentrum, das schließlich
eingenommen und zerstört wurde.
Als Baum erkennt man ja auch nicht die Zusammenhänge. So weiß ich auch
nicht so genau, in welchen Ausmaßen die Ukranen von den ganzen Kämpfen
betroffen waren, mal waren die Menschen da und plötzlich eine zeitlang
nicht unter meiner Baumkrone anzutreffen. Viele kamen auch gar nicht
wieder zurück. Sie blieben sicherlich im Krieg.
Von der
Axt gefällt
1180 trug ein Feldzug des Markgrafen Otto
I. erneut die Kriegsfackel nach Vorpommern. Jetzt war auch meine Zeit
abgelaufen, es ging mir nicht an den Kragen, sondern unmittelbar an
meine Wurzeln. Noch keine 90 Jahre und ich musste mich der Gewalt
beugen. Für mich als Eiche noch kein Alter. Mächtige Axthiebe brachten
mich zu Fall, meinen Artgenossen ging es nicht anders. Ehe wir uns
versehen hatten, lagen wir am Uckersee. Abgesägt und angespitzt stellte
man uns wieder auf. In schöner Reihenfolge wurden wir in den Boden
gerammt, immer auf den Kopf schlugen sie uns, bis mein Fußende tief und
fest im Boden steckte. Die Menschen nannten uns jetzt Brücke und Haus.
Nun konnte ich noch genauer die Gespräche der Menschen belauschen. Der
Blick über den Uckersee ließ erkennen, dass die Menschen dort eine
Stadt errichten, Prentzlow sollte sie heißen, dafür mussten viele
meiner Baumbrüder herangeschafft werden.
Die alten Menschen erzählen sich, dass sie dort auch einmal lebten,
sich aber zurückzogen, als immer mehr Deutsche dort ihre Häuser
bauten.
Als
Pfosten im See
So lebten sie jetzt in der Mitte des
Uckersees, natürlich meine ich am Rande, denn mit 16 Metern Tiefe will
keiner etwas zu tun haben. Obwohl ich als Baum noch sehr jung war, nahm
ich eine Sonderstellung ein, diente ich doch als Eckpfosten mit meinen
fast 90 Jahren. So konnte ich auch die Menschen gut beobachten. Es
wurden Töpfe aus Ton hergestellt und getrocknet, um später im
Brennofen gebrannt zu werden. Auf Feuerstellen wurde gekocht. Eines Tages
drang wieder die Rede vom Krieg zu mir. 1198 trieb der Askanier Otto II.
mit seinem Vorstoß zur Oder einen Keil zwischen das pommersche
Uckerland im Norden und die von Süden vorrückenden Wettiner und
unterwarf die Slawen.
Menschen
verlassen mich
Nach der großen Schlacht an der Oder
erkannte Philipp von Schwaben die askanische Lehnshoheit über Pommern
an. Es muss so um die Zeit gewesen sein, als die Menschen ihre
angestammte Heimat verließen. Ein Feuer zerstörte die Anlage und zurück
blieben verwüstete Feuerstellen und Häuser. Auch mein Stamm wurde arg
in Mitleidenschaft gezogen.
Die Menschen waren fort und Gestrüpp breitete sich über der slawischen
Wohnstätte aus.
Nun dauerte es auch nicht mehr lange, bis der Uckersee angestaut wurde,
um die Mühlen in Prenzlau zu betreiben. Meine übrig gebliebenen Reste
tauchten im Uckersee unter und dienten von jetzt ab den Krebsen und
Fischen als Versteck. So vergingen fast 800 Jahre.
Ich konnte das Tun der Menschen nicht mehr verfolgen. 1976 geschah es,
dass neben mir eine Holzlatte in den Seeboden gesteckt wurde, ich wurde
neu entdeckt von Menschen mit einer Ausrüstung, mit der sie unter
Wasser leben können. Ich wurde angeblitzt und mit einem Bandmaß
vermessen. Den Namen meines Wiederentdeckers kannte ich auch - Hans Jürgen
Schulz aus Prenzlau - mit seinen Tauchfreunden brachte er Abwechslung in
mein Leben. Nach viel Lärm und Aufregung in den nächsten zwei Jahren,
in denen die Taucher viele Überbleibsel der Slawen ausgruben, trat
wieder Ruhe ein und ich diente erneut als Versteck der Unterwasserwelt.
Jahresringe
gezählt
Doch 1999 ging es schon wieder weiter,
diesmal mit neuer Technik.
Fernsehaufnahmen nennen es die Menschen. Sie wollten mein genaues Alter
wissen und schon wieder ging es mir an den Kragen. Erst freigegraben und
dann mit einer Säge unter Wasser wurde ich meinen Kopf los, der Rest
meines Stammes blieb im Grund des Uckersees zurück. Nun wurde noch
einmal eine Scheibe von meinem Hals abgesägt. Gut verpackt, mit Wasser
gefüllt, dass ich nicht platzte, landete ich bei Dr. Heusner unter
einem Mikroskop, der mein Alter bestimmen wollte. Ich wusste es ja schon
vorher, aber jetzt wissen es auch die Menschen. Er zählte an die 80
Jahresringe und gab mein Alter mit 900 Jahren an.
Das Restholzstück wurde von meinem Entdecker ganz glatt poliert, um
mich dann abzulichten, damit ein Bild von meinem Innenleben zu sehen
ist.
Nun konnte ich auch die neue Welt der Menschen von heute sehen. Da hat
sich aber sehr viel verändert.
Mein abgesägter Kopf liegt jetzt im Garten von Röpersdorf rum und
zerreißt langsam, aber mein Stamm im Uckersee wird bestimmt die nächsten
900 Jahre überdauern. Nur sehen werde ich jetzt nichts mehr, denn ich
bin mit Sand zugedeckt."
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