Eine Eiche aus dem Uckersee erzählt      aus der PZ vom 31.12.99

Entdecker Hans Jürgen Schulz 
                        
                
         geht dem nach, was der 900­jährige Baum in der Mitte des Gewässers erlebte

Prenzlau (EB). Es gibt Leute, die können in denkwürdiger Stunde über ein ganzes Jahrhundert erzählen. Weil sie selbst ein denkwürdiges Alter von 100 Jahren und mehr erreichen. Über ein ganzes oder gleich zwei Jahrtausende indessen vermag kein Sterblicher zu berichten. Könnten Bäume reden, dann würden sie es schaffen. Was eine uralte Eiche vom Uckersee zu erzählen hätte, darüber machte sich Hans Jürgen Schulz, Handwerksmeister und Mitglied des Prenzlauer Geschichtsvereins, Gedanken.

"Meine betagte Mutter spendete schon Schatten, als Kaiser Otto I. 948 das Bistum Brandenburg gründete. Die Menschen, welche sich Ukranen nannten, gehörten dem westslawischen Volksstamm an und lebten im Gebiet der heutigen Uckermark.
Meine Mutter erzählte mir Geschichten, über jene, die unter ihrer Laubkrone Schatten suchten.

Ukranen zahlen Tribut

Die Ukranen mussten schon 965 den Zehnten an Silbertribut zahlen, der Kaiser befahl es, und die Kirche bekam es geschenkt. Die vom Kaiser eingesetzten Markgrafen, unter ihnen der gefürchtete Gero, verbreiteten Angst und Schrecken.
983 befreiten sich die slawischen Stämme von der deutschen Herrschaft, es kehrte etwas Ruhe ein. Der slawische Lutizerbund zerfiel und rings um das Land der Ukranen bildeten sich feudale christliche Staaten, die durch viele kleinere Kriegshandlungen entstanden.
Etwa um 1100 entließ mich meine Mutter und ich landete als Eichel auf dem Waldboden.
So konnte ich durch die gut gedüngte Erde, wofür meine Mutter jedes Jahr durch den Abwurf ihrer Blätter sorgte, meine Nase aus dem Boden stecken und langsam zu einem kleinen Baum heranwachsen. Jetzt konnte ich selbst die Geschichten der Menschen erleben, aber nicht sehr lange schützte mich noch meine Mutter.
1147, ich war schon ein stattlicher Baum und meine Baumkrone sah weit ins Land, hörte ich, dass schon wieder fremde Menschen in mein Land eindrangen. Es wurde von einem Kreuzzug gegen die Wenden gesprochen, zu denen ja die Ukranen zählten. Die norddeutschen Fürsten verwiesen auf die heidnischen Slawen, die zu bekehren waren. Ein Fürsprecher des Kreuzzuges wurde der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux.
Entscheidend für die Territorialaufteilung wurde der Fürstentag in Havelberg im Sommer 1148. Der geladene Fürst Ratibor von Pommern-Demmin bekannte sich zum Christentum. Der pommersche Fürst zu Stettin nahm das Land der Ukranen zu der Zeit mit Gewalt ein und ließ die Burgen besetzen. Auch die größte slawische Burganlage in Drense konnte sich nicht dagegen wehren. Die für die Ukranen so wichtige Burgwallinsel im Oberuckersee war ein wichtiges Widerstandszentrum, das schließlich eingenommen und zerstört wurde.
Als Baum erkennt man ja auch nicht die Zusammenhänge. So weiß ich auch nicht so genau, in welchen Ausmaßen die Ukranen von den ganzen Kämpfen betroffen waren, mal waren die Menschen da und plötzlich eine zeitlang nicht unter meiner Baumkrone anzutreffen. Viele kamen auch gar nicht wieder zurück. Sie blieben sicherlich im Krieg.

Von der Axt gefällt

1180 trug ein Feldzug des Markgrafen Otto I. erneut die Kriegsfackel nach Vorpommern. Jetzt war auch meine Zeit abgelaufen, es ging mir nicht an den Kragen, sondern unmittelbar an meine Wurzeln. Noch keine 90 Jahre und ich musste mich der Gewalt beugen. Für mich als Eiche noch kein Alter. Mächtige Axthiebe brachten mich zu Fall, meinen Artgenossen ging es nicht anders. Ehe wir uns versehen hatten, lagen wir am Uckersee. Abgesägt und angespitzt stellte man uns wieder auf. In schöner Reihenfolge wurden wir in den Boden gerammt, immer auf den Kopf schlugen sie uns, bis mein Fußende tief und fest im Boden steckte. Die Menschen nannten uns jetzt Brücke und Haus. Nun konnte ich noch genauer die Gespräche der Menschen belauschen. Der Blick über den Uckersee ließ erkennen, dass die Menschen dort eine Stadt errichten, Prentzlow sollte sie heißen, dafür mussten viele meiner Baumbrüder herangeschafft werden.
Die alten Menschen erzählen sich, dass sie dort auch einmal lebten, sich aber zurückzogen, als immer mehr Deutsche dort ihre Häuser bauten.

Als Pfosten im See

So lebten sie jetzt in der Mitte des Uckersees, natürlich meine ich am Rande, denn mit 16 Metern Tiefe will keiner etwas zu tun haben. Obwohl ich als Baum noch sehr jung war, nahm ich eine Sonderstellung ein, diente ich doch als Eckpfosten mit meinen fast 90 Jahren. So konnte ich auch die Menschen gut beobachten. Es wurden Töpfe aus Ton hergestellt und getrocknet, um später im Brennofen gebrannt zu werden. Auf Feuerstellen wurde gekocht. Eines Tages drang wieder die Rede vom Krieg zu mir. 1198 trieb der Askanier Otto II. mit seinem Vorstoß zur Oder einen Keil zwischen das pommersche Uckerland im Norden und die von Süden vorrückenden Wettiner und unterwarf die Slawen.

Menschen verlassen mich

Nach der großen Schlacht an der Oder erkannte Philipp von Schwaben die askanische Lehnshoheit über Pommern an. Es muss so um die Zeit gewesen sein, als die Menschen ihre angestammte Heimat verließen. Ein Feuer zerstörte die Anlage und zurück blieben verwüstete Feuerstellen und Häuser. Auch mein Stamm wurde arg in Mitleidenschaft gezogen.
Die Menschen waren fort und Gestrüpp breitete sich über der slawischen Wohnstätte aus.
Nun dauerte es auch nicht mehr lange, bis der Uckersee angestaut wurde, um die Mühlen in Prenzlau zu betreiben. Meine übrig gebliebenen Reste tauchten im Uckersee unter und dienten von jetzt ab den Krebsen und Fischen als Versteck. So vergingen fast 800 Jahre.
Ich konnte das Tun der Menschen nicht mehr verfolgen. 1976 geschah es, dass neben mir eine Holzlatte in den Seeboden gesteckt wurde, ich wurde neu entdeckt von Menschen mit einer Ausrüstung, mit der sie unter Wasser leben können. Ich wurde angeblitzt und mit einem Bandmaß vermessen. Den Namen meines Wiederentdeckers kannte ich auch - Hans Jürgen Schulz aus Prenzlau - mit seinen Tauchfreunden brachte er Abwechslung in mein Leben. Nach viel Lärm und Aufregung in den nächsten zwei Jahren, in denen die Taucher viele Überbleibsel der Slawen ausgruben, trat wieder Ruhe ein und ich diente erneut als Versteck der Unterwasserwelt.

Jahresringe gezählt

Doch 1999 ging es schon wieder weiter, diesmal mit neuer Technik.
Fernsehaufnahmen nennen es die Menschen. Sie wollten mein genaues Alter wissen und schon wieder ging es mir an den Kragen. Erst freigegraben und dann mit einer Säge unter Wasser wurde ich meinen Kopf los, der Rest meines Stammes blieb im Grund des Uckersees zurück. Nun wurde noch einmal eine Scheibe von meinem Hals abgesägt. Gut verpackt, mit Wasser gefüllt, dass ich nicht platzte, landete ich bei Dr. Heusner unter einem Mikroskop, der mein Alter bestimmen wollte. Ich wusste es ja schon vorher, aber jetzt wissen es auch die Menschen. Er zählte an die 80 Jahresringe und gab mein Alter mit 900 Jahren an.
Das Restholzstück wurde von meinem Entdecker ganz glatt poliert, um mich dann abzulichten, damit ein Bild von meinem Innenleben zu sehen ist.
Nun konnte ich auch die neue Welt der Menschen von heute sehen. Da hat sich aber sehr viel verändert.
Mein abgesägter Kopf liegt jetzt im Garten von Röpersdorf rum und zerreißt langsam, aber mein Stamm im Uckersee wird bestimmt die nächsten 900 Jahre überdauern. Nur sehen werde ich jetzt nichts mehr, denn ich bin mit Sand zugedeckt."

 

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