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Aus der Prenzlauer Zeitung vom 24.12.1999 Werner Otto, Prenzlauer, Versandhaus-Gründer, erinnert sich "Nie werde ich diese Fahrradfahrt vergessen" Der Gründer des weltweit größten Versandhauses ist ein Prenzlauer, Prof. Dr. h.c. Werner Otto, im brandenburgischen Seelow geboren, im uckermärkischen Prenzlau aufgewachsen. Welche Erinnerungen der heute 90-jährige Werner Otto aus seiner Kinderzeit
hat, wollte das Redaktionsmitglied Horst Waschke wissen. Werner Otto bei seinem Besuch 1998 in Prenzlau. Das Elternhaus Mein Elternhaus stand in der Wittstraße 538. Wir hatten wunderschöne Räume. Nach vorn hinaus ein kleines Wohnzimmer, dann die Bibliothek, einen Raum, der mit gepresster Ledertapete ausgelegt, war, und dann das prächtige große Wohnzimmer: ein dreifenstriges Zimmer mit hohen Scheiben, bis zu einer Höhe von zirka 1,50 Meter eine Stoffbespannung an den Wänden, dann kam ein zirka 10 Zentimeter breiter Sims, auf dem alte Pokale standen, und darüber eine Holztäfelung; in der einen Ecke ein großer Kamin. Der Raum war immer wundervoll, wenn große Feste wie Weihnachten etc. gefeiert wurden. Hinter dem Haus, in dem unten die Büroräume untergebracht waren, befanden sich die Speicher. Es gab einen Speicher, in dem nur Salz, Salpeter und ähnliche Produkte aufbewahrt wurden, in einem anderen Speicher waren Lebensmittel - Mehl, Haferflocken, Gries etc. Die Speicher waren dreistöckig. Zum Schluss kamen zwei Pferdeställe mit dem Heuboden darüber und ein Haus, in dem die Kutscher wohnten. Auf dem Heuboden rauchte ich immer heimlich Zigaretten. Ich habe im Übrigen keinen Dummejungenstreich ausgelassen. Der Hof Die Waren wurden an die Einzelhändler in den Dörfern und Kleinstädten verkauft. Der große Hof stand immer voller Kasten- oder Rollwagen. Vorn hatte der Hof eine große Ausbuchtung, wo im Winter ein großer Kohlenberg lag. Es wurde auch Kohle verkauft, die in Kiepen gepackt und den Leuten ins Haus gefahren wurde. Die Leute, die sehr rechnen mussten, kamen selbst mit einem Handwagen und kauften und holten sich die Kohle halb zentnerweise ab. Ich half gern beim Tragen, ich fühlte mich immer sehr stark und schleppte mit Vorliebe sehr schwere Sachen, an die die Kutscher sich nicht herantrauten, sehr vorsichtig waren und sie lieber mit der Winde hochzogen. Dann gab es zur Seite einen kleinen Hinterhof, etwas abseits, dort hab mich am liebsten aufgehalten, dort kaum jemand hinkam, und habe mit meinem Luftgewehr, später mit meinem Tesching, auf eine Scheiben schossen. Als 12-Jähriger Einmal spielte ich auf dem Hof, war vielleicht zwölf Jahre alt. Da sah ich, dass eine Taube, verfolgt von einem Raubvogel, unter einen Rollwagen flog. Vis a vis von unserem Haus war die Marienkirche. In ihrem Kirchturm nisteten sehr viele Vögel - das kennt man heute nicht mehr, aber seinerzeit war das üblich -, darunter auch entsprechende Raubvögel. Die Taube war von einem Raubvogel verfolgt worden und unter den Rollwagen geflüchtet. Gleichzeitig mit der Taube sah ich auch unsere Katze, die sich hinschlich und sprungbereit war. Aber ich war schneller und schnappte mir die Taube. Ich nahm sie mit zu uns in die Wohnung. Wir fütterten sie und behielten sie bei uns. Nach einigen Wochen ließen wir sie wieder frei. Aber die Taube hatte sich so an uns gewöhnt - sie kam täglich durch das offene Küchenfenster in die Küche spaziert, um sich ihr Futter zu holen. Als meine Eltern in die Steinstraße zogen, glaubten wir, dass die Taube uns nicht mehr sehen würde. Aber wir hatten uns getäuscht - die machte uns auch in der neuen Wohnung ausfindig und besuchte uns. Erstaunlich, der Instinkt dieses Tieres, das gemerkt hatte, dass man ihm geholfen hatte und ihm wohlgesonnen war. Einmal besuchte ich einen Onkel in Blindow, der dort einen Bauernhof besaß. Er war ein sehr angesehener Mann, Mitglied verschiedener bäuerlicher Vereinigungen. Meine Mutter hatte einiges zu erledigen; ich hielt mich auf dem Hof auf. Ich merkte, wie mein Onkel mich mit Nichtachtung strafte. Ich war damals nämlich arbeitslos. Ich fuhr mit dem Fahrrad von Blindow nach Prenzlau zurück - da ging es mir durch den Kopf, wie wenig er und viele Leute ahnten, dass das alles einmal zusammengeschlagen wird, dass man im Grunde genommen nur eines machen durfte: gegen Hitler kämpfen - alles andere war sinnlos. Nach dem Krieg habe ich wieder daran denken müssen. Mein Onkel war mit seiner Frau in den Dorfteich gegangen und hatte Selbstmord begangen, er wollte nicht mehr fliehen. Seine Tochter war tödlich verunglückt, sein Sohn sollte an der Front gefallen sein, war aber später doch wieder aufgetaucht. |
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