entnommen dem Heimatkalender von 1942,  berichtet von Georg Schonert

Das Vorkommen des Weißen Storches

Im Kreise Prenzlau

Der „Uckermärkische Kurier“ brachte im Verlaufe des Frühjahrs 1939 mehrmals Lokalnotizen über neue Brutpaare des Weißen Storches. So baute beispielsweise seit Jahren wieder ein Storchenpaar in Gerswalde. Dies veranlasste mich, an den Kreisbeauftragten für Naturschutz Bürodirektor Fürstenau mit der Bitte heranzutreten, die Bürgermeister des ganzen Kreises Prenzlau über die Storchvorkommen in ihren Ortschaften zu befragen. Die daraufhin von Herrn Bürodirektor Fürstenau vorgenommen Feststellungen lieferten folgendes Ergebnis:

Brutpaare                  1938-117        1939-133

Flügge Junge             1938-250        1939-350

Die Brutpaare des Weißen Storches haben sich also im Kreise Prenzlau tatsächlich vermehrt. Infolge des günstigen Sommerwetters konnte auch eine verhältnismäßig größere Zahl an Jungen herangezogen werden. Im Jahre 1938 kamen durchschnittlich auf das Brutpaar 2,1 flügge Junge, 1939 waren es deren 2,6. Das Gelege des Storches besteht aus drei bis fünf weißen Eiern, die von beiden Gatten bebrütet werden. Die besten Brutergebnisse hatten im vergangenen Jahr das Storchenpaar in Bietikow mit flüggen Jungen und die Paare in Arendsee, Baumgarten, Bergholz, Damme, Eickstedt, Falkenhagen, Hindenburg, Klockow, Lübbenow, Polzow, Rossow, Schlepkow, Schwaneberg, Wallmow, Wollin, Ziemkendorf mit je 4 flüggen Jungen. Das sind 12,8% der erfassten Paare.

Nachfolgend noch das Ergebnis der Rundfrage in unseren Städten:

                                  
Brutpaare                  Flügge Junge

                                   1938    1939                1938    1939

Strasburg                     1          3                      3           6

Brüssow-Stadt             3          2                      7           3

Prenzlau-Stadt            3          3                    11          9
m. Alexanderhof

Das Vorkommen des weißen Storches scheint allgemein in Mitteleuropa gewissen Schwankungen zu unterliegen, deren tiefere Ursachen nicht geklärt sind. Gute Storchenjahre waren 1905 und 1934. Ostprenzlau beispielsweise konnte 1934 seinen Bestand gegenüber 1931 fast verdoppeln. 1937 war wieder eine Abnahme zu verzeichnen. Großer Nahrungsreichtum in Afrika vergrößerte vielleicht in diesem Jahre die Rückkehr so wesentlich, dass bei vielen Storchenpaaren der Fortpflanzungstrieb schon erloschen war.

Im allgemeinen kehrt der Weiße Storch jedes Jahr zur Heimat zurück und bezieht in der Regel das alte Nest. Der Storchenbestand einer Landschaft ergänzt sich also in erster Linie durch die dort großgezogenen Jungen. Wenige Störche wandern in fremde Brutbezirke ab. Sichere Ergebnisse liefert hier die Vogelberingung. (Zusammenfassung z.B. in E. Harnisch, Der Vogelzug, 1929). Gleich nach ihrer Rückkehr aus Afrika tun sie so heimlich , als wären sie nie fort gewesen. Das Paar trifft nicht immer zusammen ein.

So ist 1939 der eine der Störche, die auf dem Kasperschen Anwesen in der Steinstraße in Prenzlau brüten,
am 2.April, der andre erst am 14.April eingetroffen. 1940 trafen sie ziemlich gleichzeitig am 4. Und 5. April ein. Vielfach herrscht noch die Ansicht, dass die Störche an einem bestimmten Tage bei uns eintreffen und uns zu einem festen Termin wieder verlassen.

Diese Meinung ist irrig, wie schon die eben genannten Daten zeigen. Die Schwankungen sind größer als eist an genommen wird. Die Spanne des Eintreffens beträgt beim Storch 55 Tage.
Für die Störche auf dem Kasperschen Grundstück habe ich im ganzen folgende Daten ermittelt:

Ankunft:                                          Abzug:

1935             -                                  25.August

1938      26.April                             10.September

1939 2. und 14.April                      11.August

1940 4. und 5.April                               -   

Die Brutreife und damit auch die Restwahl setzt erst mit 3 bis 4 Jahren ein. Auch diese noch nicht fortpflanzungsfähigen Jungstörche und nicht mehr nistende alte Störche (über 12 Jahre alt) kommen immer wieder in die Heimat zurück. Solche Einsiedler, die aus  Angehörigen beider Geschlechter bestehen, streichen auf den Feldern umher. Infolge der Ortstreue der Störche kann es zwischen Alten und Jungstörchen zu erbitterten Kämpfen um den Brutplatz kommen.  Dagegen gehört wohl das sogenannte „Storchengericht“, von dem immer wieder berichtet wird, in das Reich der Fabel. Danach sollen schwächliche Jungvögel vor dem Abzuge von den Alten getötet werden. Diese Auslese wird wohl von der Natur selbst vorgenommen, indem Schwächlingen die Kräfte versagen und sie so auf irgendeine Weise unterwegs umkommen.

Bald nach der Rückkehr beginnt die Ausbesserung des Nestes, das gerade sein besonderes Kunstwerk ist. Die Grundlage bilden starke Reiser und  Äste. Die Nestmulde wird mit Reisig, Schilf, Gras, Mist, Stroh, Lumpen, Papier, Federn und dergleichen ausgekleidet. Sie nehmen es dankbar an, wenn man ihnen Baustoffe solcher Art bereitlegt.

Die Brutzeit dauert 28 bis 31 Tage, so dass Ende Mai bis Anfang Juni die Jungen schlüpfen. Das Familienleben ist recht unterhalb, wenn auch die Umgebung des Nestes nicht immer angenehm anzusehen ist. Eierschalenreste und Reste der Nahrung, wie z.B. Froschbeine und Ringelnatterköpfe, werden einfach herabgeschleudert. Die Jungen werden nicht  geasst, sondern müssen das von den Eltern vorgewürgte Futter selbst aufnehmen.

Missgebildete Junge werden gleich unbarmherzig aus dem Nest geworfen, wohl auch manchmal durch Schnabelhiebe getötet. So sorgen die Störche aus angeborenem Triebe dafür, dass nur das Gesunde erhalten bleibt.

Nach etwa  zwei Monaten beginnen die Jungen ihre Schwingen zu erproben. Man sieht sie dann mit den Flügeln schlagend auf dem Nestrand stehen und kleine Sprünge machen, bis es der Mutigste wagt, vom Nest etwa bis zum First des Daches zu fliegen oder auch nur einen kleinen Bogen um das Nest zu beschreiben. Schließlich folgen auch die Geschwister. Sobald sie etwas sicherer geworden sind, beginnen Übungsflüge mit den Alten. Doch kehren sie für die Nacht mindestens anfänglich immer wieder zum Nest zurück. Für die von mir besonders beobachteten Kasperschen Störche ist dies bis zur Ausreife die Regel.

Dem Laien will es auf den ersten Blick scheinen, als gäbe es für einen Naturforscher in unserer deutschen Heimat nicht mehr viel zu erkunden, als müsse er auf Entdeckerfreuden verzichten. Die vorstehenden Zeilen haben aber gezeigt, dass selbst ein so bekannter Großvogel wie der Storch, der altgermanische Glücksbringer Adebar, noch Rätsel aufzugeben hat. Seine Familiengeschichte, Ortstreue, Brutpflege, Zug und wirtschaftliche Bedeutung sind längst nicht restlos erforscht.

Deshalb soll auch die Storchstatistik im Kreise Prenzlau möglichst fortgeführt werden, damit wir allmählich ein abgerundetes Lebensbild dieses Großvogels für unsere Uckermark erhalten. Dabei hilft auch die Storchberingung, die hier von Studienrat Jaene und von anderer Seite durchgeführt wurde und hoffentlich trotz des Krieges fortgeführt werden kann.

Zu Begründen ist die Sitte, auf landwirtschaftlichen Gebäuden alte Wagenränder anzubringen, um die Störche zum Nisten anzuregen. Der Herr Reichs- und Preußische Minister für Ernährung und Landwirtschaft hat die Anbringung solcher Nestunterbauten empfehlend hingewiesen.

Der Schwarze Storch ist im Gegensatz zu unserem Adebar ein in Deutschland seltener, menschenscheuer Waldbewohner, dem auch der Beiname „Klapperstorch“ nicht zukommt, denn er klappert nur schwach und sehr selten.

Unbeschadet einer späteren genaueren Darstellung durch Studienrat Iaene soll hier für unsere Vogelfreunde noch folgende Bemerkung angefügt sein: Die im vorjährigen Heimatkalender abgebildete beringte junge Schleiereule ist Anfang Januar 1940 in Kleptow zugeflogen. Ein in Bündigershof beringter junger Mäusebussard wurde aus Annahof, Post Werbig/Ostbahn, zurückgemeldet. Eine junge Rauchschwalbe, die im Mai ebenfalls in Bündigershof beringt worden war, wurde im Oktober 1940 in Böhmen bei Kuttenberg (Kutna Hora) gefangen.  

Ergänzung 2004 durch Herrn Helmuth Schonert (Sohn)
Herr Georg Schonert hat die Storchenchronik nicht weiter geführt, da er 1941 zum Wehrdienst eingezogen wurde.
Die Störche auf dem Kasperschen Grundstück gab es bis 1945 und danach nicht mehr in Prenzlau.